Standarddeutsch hat eine Serie vorderer gerundeter Vokale, nämlich /y ʏ ø œ/. Diese werden in den meisten mittel- und oberdeutschen Dialekten entrundet (oder entlabialisiert), sie werden also zu /i ɩ e ɛ/.
- Die Entrundung findet vor allem in den folgenden Dialekten statt:
- Mitteldeutsch: Schlesisch, Obersächsisch, Thüringisch, Rheinfränkisch, Pfälzisch, Hessisch, Moselfränkisch
- Oberdeutsch: Bairisch, Schwäbisch, Niederalemannisch.
- Sie findet nicht statt u.a. im Hochalemannischen (Zentralschweiz, Südschwarzwald) und Ripuarischen (um Köln).
Die Dialekte mit Entrundung sagen also z.B. /miːlə/ für Mühle und /ʃeːn/ für schön.
Das Niederdeutsche ist i.w. unbeteiligt, weil es allererst keine vorderen gerundeten Vokale erworben hatte.
Historisch ist folgendes passiert:
- Ab ca. 450 n. Ch. wird durch Vokalharmonie im Westgermanischen1 auf hintere Vokale der Umlaut angewandt. Er reduziert sich auf die Verschiebung des Vokals von hinten nach vorn, behält jedoch die Rundung des Inputs bei. Hier wurden also /u ʊ o ɔ/ zu /y ʏ ø œ/.
- Ab dem 8. Jh. setzt im Altenglischen die Entrundung ein und ist ca. 1300 in allen englischen Dialekten abgeschlossen. Das produziert Paare von Flexionsformen wie foot - feet und goose - geese.
- Im deutschen Sprachraum setzt die Entrundung im Spätmittelhochdeutschen, ca. 1300, ein; aber die genannten Dialekte behalten die vorderen gerundeten Vokale bei.
- Ab ca. 1500 wird die hochdeutsche Standardsprache gebildet. Sie ist bzgl. der vorderen Vokale konservativ, adoptiert also die vorderen gerundeten Vokale der Dialekte, die die Entrundung nicht mitgemacht haben.
Im Ergebnis sind daher die vorderen gerundeten Vokale eine Eigenschaft des Standarddeutschen, die es von den meisten deutschen Dialekten unterscheidet.
Im Sinne der Markiertheitstheorie ist die Entrundung der vorderen Vokale die Elimination des Merkmals [+ rund] in einem (simultanen) Kontext – eben in vorderen Vokalen –, wo dieses Merkmal markiert ist, und folglich die (Wieder-)Herstellung eines einfacheren Zustandes.
1 In anderen germanischen Sprachen finden noch andere Wandel durch Vokalharmonie statt. Diese fallen nicht unter den Begriff des Umlauts als eine Verlagerung eines hinteren Vokals nach vorne durch Vokalharmonie.