Einleitung

Abstraktion ist das Absehen von Akzidentien. Das sind generische Eigenschaften der unter den abstrahierten Begriff fallenden Erkenntnisobjekte, die an diesen variieren, jedoch für den Begriff ohne Belang sind. Sie werden daher ausgeblendet. Es sind dies aber häufig solche Komponenten, ohne welche das Erkenntnisobjekt nicht auftritt, dergestalt daß die Absehung von ihnen zu Unanschaulichkeit führt. Z.B. können wir den Begriff der Schönheit einer Person oder sogar den Begriff der Schönheit überhaupt abstrahieren, indem wir von allen anderen Eigenschaften, welche notwendigerweise gemeinsam mit menschlicher Schönheit vorkommen, wie höhere oder geringere Intelligenz, Güte, Charme oder Lebensalter, absehen. Tatsächlich kommt aber Schönheit nur zusammen mit diesen anderen Eigenschaften vor, so daß die Schönheit an sich, unabhängig von solchen Komponenten, nicht vorstellbar ist.

Abstraktion ist eine Operation der Begriffsbildung. Wie in anderen Abschnitten über Begriffsbildung zu sehen ist, sind in einer gewissen Hinsicht alle Begriffe abstrakt, nämlich insofern ihnen nicht ein bestimmter Gegenstand oder eine bestimmte Vorstellung entspricht. Vielmehr bezeichnet ein Begriff immer eine Klasse von Gegenständen, indem er auf etwas Bezug nimmt, was ihnen allen gemeinsam ist, und dabei all das ausblendet, worin sie sich unterscheiden. In dieser Hinsicht involviert also jegliche Begriffsbildung Abstraktion. Ich werde im nächsten Abschnitt jedoch nur eine bestimmte Art von Begriffsbildung so bezeichnen.

Wissenschaften haben typischerweise das Ziel, die Welt verstehen zu lernen, um sie kontrollieren zu können. Dazu ist es notwendig, der im Phänomenbereich bestehenden Variation Herr zu werden. Dies besagt, daß man die hinter all der Variation stehende Invariante identifiziert. In der Linguistik z.B. gehört Variation zum Wesen ihres Gegenstands. Eine erste Einteilung unterscheidet zwischen Variation auf der Ebene des Diskurses und Variation auf der Ebene des Systems (s. System vs. Text).

  1. Die Variation auf der Ebene des Diskurses subsumiert nicht nur einen einzelnen Diskurs (auch da gibt es Variation), sondern alle Diskurse aller Sprecher einer Sprachgemeinschaft, also auch die Unterschiede zwischen Idiolekten. Z.B. sagt ein Sprecher Bürgerinnen und Bürger, wo der andere bloß Bürger sagt; und für den einen ist Joghurt ein maskulines, für den anderen ein neutrales Substantiv.
  2. Die Variation auf der Ebene des Sprachsystems umfaßt alle sprachlichen Ebenen. Z.B. kann man im Deutschen den Laut r rollen, wie in Rrruhe!, oder reiben, wie in Krone, oder auch nur andeuten, wie in Wort. Solche Varianten gibt es nicht nur auf der lautlichen Ebene, sondern auch in der Morphologie. Der Plural von Substantiven lautet bei Kind Kinder, wird also durch das Suffix -er ausgedrückt. Bei Frau wird er durch ein Suffix -en ausgedrückt, bei Tag durch ein Suffix -e und bei weiteren Substantiven noch anders. Hier herrscht also über die Mitglieder einer Wortart hinweg morphologische Variation. Konzessivsätze kann man im Deutschen mit obwohl, obgleich, obschon, wiewohl, wenngleich und mit noch einem halben Dutzend weiterer Konjunktionen einleiten. Diese sind weitgehend synonym und verteilen sich über verschiedene Sprecher und Stile.

Aufgabe einer empirischen Wissenschaft ist es zwar, die Variation zu reduzieren; das soll aber nicht dadurch geschehen, daß man eine Variante zur Norm erklärt und alle anderen ausmerzt, sondern dadurch, daß man das Prinzip der Variation ausfindig macht. Dazu ist festzustellen, nach welchen Bedingungen die Varianten sich verteilen. Z.B. richtet sich das Auftreten der verschiedenen Formen von r nach dem phonologischen Kontext, das Auftreten der Pluralsuffixe nach der Deklinationsklasse und das Auftreten der konzessiven Konjunktionen nach Stilebenen. Hat man das Prinzip der Variation identifiziert, kann man für jeden solchen Fall eine Invariante ansetzen. Das wäre z.B. “das deutsche r”, “das deutsche Pluralmorphem” und “die deutsche konzessive Konjunktion”. Diese Invariante ist eine Abstraktion über den Varianten, da sie deren spezifische, konkrete Eigenschaften nicht hat. Die Invariante ist z.B. selbst nicht aussprechbar. Sie befindet sich also auf einer höheren Abstraktionsebene als die Varianten.

Für solche Invarianten werden in der Wissenschaft je einzelne Begriffe gebildet; ein allgemeines sprachliches Verfahren dafür gibt es nicht. Wir nehmen im folgenden die umgekehrte Perspektive ein und untersuchen, welche grammatisch-regelmäßigen Verfahren die Sprache zum Zwecke der Abstraktion bereitstellt.

Umkategorisierung

Sprachliche Ausdrücke gehören syntaktischen Kategorien an. Elementare syntaktische Kategorien sind Wortarten wie ‘Adjektiv’, ‘Substantiv’, ‘Verb’. Jede Sprache verfügt über Operationen der Umkategorisierung, also Operationen, die einen Ausdruck von einer syntaktischen Kategorie in eine andere überführen. Soweit es sich um Wortarten handelt, sind das im einfachsten Falle Operationen der Derivation, wie in B1, oder der Konversion, wie in B2.

B1.a.Erna ist ausnehmend schön.
b.Ernas ausnehmende Schönheit
B2.a.Erna antwortet.
b.Ernas Antwort

In B1 wird aus dem Adjektiv schön durch Derivation das Substantiv Schönheit abgeleitet; in B2 wird durch Konversion des Stamms ein Verb in ein Substantiv überführt oder umgekehrt.

Auch komplexe Ausdrücke gehören syntaktischen Kategorien an, und auch sie können umkategorisiert werden.

B3.a.Erna bewunderte einen Fakir; er hing an einem Ast.
b.Erna bewunderte einen an einem Ast hängenden Fakir.
B4.a.Linda seduced her boss: she taught him Latin.
b.Linda seduced her boss by teaching him Latin.

In B3 wird ein Satz in ein Adjektival konvertiert, welches sodann als Attribut zu einem Substantiv konstruiert werden kann. In B4 wird ein Satz in ein Adverbial konvertiert, welches sodann das Verb eines anderen Satzes modifizieren kann.

Nominalisierung

Referenz auf Satzinhalte

Die Basis einer syntaktischen Umkategorisierung sind häufig, wie in B3 und B4, Sätze. Sätze können nicht nur, wie dort, in Adjektivalien und Adverbialien, sondern auch in Nominalsyntagmen (NSen) konvertiert werden. B5.a und B6.a zeigen in den a-Fassungen, daß ein Satz durch ein Demonstrativ- oder Personalpronomen wieder aufgenommen werden kann, welches auf die Proposition jenes Satzes referiert. Das Pronomen selbst gehört der syntaktischen Kategorie ‘NS’ an.

B5.a.Komm endlich essen! Das habe ich dir doch schon dreimal gesagt.
b.Ich habe dir doch schon dreimal gesagt, [daß du endlich essen kommen sollst]NS.
B6.a.Wann sind wir angemeldet? Ich vergesse es dauernd?
b.Ich vergesse dauernd, [wann wir angemeldet sind]NS.

In den b-Fassungen nimmt der abhängige Satz die syntaktische Funktion jenes Pronomens ein; er fungiert nämlich in beiden komplexen Sätzen als direktes Objekt. Er gehört folglich selbst der Kategorie des NSs an. Diese Operation der Überführung eines Ausdrucks, insbesondere eines verbalen Ausdrucks, insbesondere eines Satzes, in einen nominalen Ausdruck heißt Nominalisierung.

Die Beispiele zeigen bereits das Wichtigste, worauf es bei Nominalisierung ankommt: Ein selbständiger Satz hat eine illokutive Kraft. D.h. er erteilt z.B. einen Befehl (wie der erste in B5.a), er stellt eine Frage (wie der erste in B6.a), er macht eine Behauptung (wie B8 unten) oder dergleichen mehr. Durch die Nominalisierung verliert der Satz die illokutive Kraft: B5.b erteilt keinen Befehl, B6.b stellt keine Frage, usw. Nominalisierung dient also der Referenz auf einen Satzinhalt unter solchen Umständen, wo man diesem keine illokutive Verwendung zugedacht hat, sondern ihn in einer anderen Funktion verwenden will, z.B. als Gegenstand einer Prädikation, wie in B10, oder als Gegenstand einer Einstellung, wie in B9.

Ausrichtung

Nominalisierungen unterscheiden sich nach verschiedenen Kriterien. Z.B. kann man eine deverbale Nominalisierung auf eine der Argumentstellen des zugrundeliegenden Verbs ausrichten oder dies unterlassen.

B7.a.Fahrer
b.Fuhre
c.Fahrt

Z.B. ist der in B7 zugrundeliegende Verbstamm fahr- in B7.a auf das Agens-Argument ausgerichtet, bezeichnet also denjenigen, der fährt, während er in B7.b auf das Patiens-Argument ausgerichtet ist, also dasjenige bezeichnet, was gefahren wird. In B7.c schließlich findet keinerlei Ausrichtung statt, wodurch die Nominalisierung die Situation selbst, in der jemand fährt, bezeichnet.1 Ein auf das Agens ausgerichtetes Verbalnomen heißt Nomen Agentis, ein auf das Patiens ausgerichtetes Verbalnomen heißt Nomen Patientis; und ein Verbalnomen, welches die Situation selbst bezeichnet, heißt Nomen Actionis oder Verbalabstraktum. Wir konzentrieren uns im folgenden auf solche nicht-ausgerichteten Nominalisierungen.

Desententialisierung – Typisierung

Den hier interessierenden Nominalisierungen liegen Sätze zugrunde. Sie verlieren durch die Nominalisierung ihren Satzcharakter in mehr oder minder starkem Maße. Z.B. hängt von der Präposition to in B9 ein NS ab, welchem in beiden Fällen der Satz von B8 zugrundeliegt, welches aber in a und b eine verschiedene innere Struktur aufweist.

B8. He was constantly reading magazines.
B9.a.She objected to [his constantly reading magazines]NS.
b.She objected to [his constant reading of magazines]NS.

In B9.a ist das in Rede stehende NS dem Satz in B8 offensichtlich ähnlicher als in B9.b: in letzterem erscheint statt des Adverbs constantly von B9.a ein Adjektiv und statt des direkten Objekts magazines ein possessives Attribut. Beides zeigt, daß reading in B9.a sich noch eher wie ein Verb, in B9.b dagegen eher wie ein Substantiv verhält. In beiden Konstruktionen jedoch erscheint das, was in B8 das Subjekt ist (he), als possessives Attribut (his). Es liegen also in B9.a und b Nominalisierungen vor, aber die in b ist stärker desententialisiert. Wir sagen, daß ein in diesem Sinne stärker desententialisierter Satz stärker nominalisiert ist.

In einen propositionalen Akt sind, neben der Referenz und der Prädikation als den fundamentalen Bestandteilen, eine ganze Reihe weiterer Operationen involviert. Diese schlagen sich in Kategorien nieder, die den Satz mitkonstituieren: Modus, Aspekt, Tempus, Diathese, Person, sowie in verbalen Dependenten. Die Spezifikation all dieser Komponenten macht die Individualität einer Proposition, eines Gedankens aus. Jedes Absehen von ihnen bedeutet eine Verallgemeinerung, eine Typisierung des Gedankens. Er verliert seinen individuellen Charakter, bezieht sich dann auf einen mehr oder weniger genau festgelegten Sachverhalt und wird schließlich zum Ereignisbegriff. Diese Typisierung der Proposition zum Begriff läuft der Nominalisierung parallel. Die aufgezählten Komponenten, die eine Proposition mitkonstituieren, werden bei Nominalisierung abgebaut. Manche Nominalisierungen wie Schattierung oder Vertiefung weisen keine von ihnen auf, ebenso wie primitive, also nicht durch Nominalisierung zustandegekommene Substantive wie Apfel oder Zahl. Dadurch wird es möglich, den Substantivsatz in B10.a, der außer dem Prädikat weiter keine Spezifika enthält, ohne Bedeutungsverlust durch ein einfaches Verbalnomen wie in B10.b zu ersetzen.

B10.a.Daß jemand ermordet wird, kommt nicht alle Tage vor.
b.Ein Mord kommt nicht alle Tage vor.

Reduktion von Argumentstellen

Eine Proposition ist desto stärker individuiert, je genauer ihre Komponenten festgelegt sind, und desto stärker typisiert, je mehr von ihnen offen bleiben. Typisierung bedeutet hier Übergang vom Gedanken zum Begriff. Dieser Vorgang läuft mit der Nominalisierung weitgehend parallel. Zwar gibt es Ausnahmen. Einerseits kann man schon bei relativ schwacher Desententialisierung Sachverhalte typisieren, indem man Argumente unspezifiziert läßt, wie in B10.a. Und andererseits kann man auch bei starker Nominalisierung mehrere Komponenten eines Sachverhalts spezifizieren, wie B11 zeigt.

B11. [Frau Schulzes Mord an ihrem Gatten mit einem Hackebeil]NS ist höchst bedauerlich.

Dennoch besteht eine Korrelation zwischen Nominalisierung und Typisierung. Denn bei schwacher Nominalisierung (B12.a) müssen Argumente, die obligatorisch zur Verbvalenz gehören, auch wenn sie semantisch leer sind, morphosyntaktisch präsent sein, in Form eines Pronomens. Das ist bei stärkerer Nominalisierung (B12.b) nicht notwendig:

B12.a.Daß jemand es durchführt, ist möglich.
b.Die Durchführung ist möglich.

Die Besetzung von Argumentstellen wird durch Nominalisierung fakultativ, und oft kommen sie auch ganz abhanden. So enthalten in B13 - B15 die Verben in den a-Versionen bestimmte Argumentstellen, die in den b-Versionen nicht mehr vorhanden sind.

B13.a.x gelobt dem y ein z
b.x' Gelübde
B14.a.x überführt den y des z
b.Überführung des y
B15.a.x enthält sich des y
b.Enthaltung

Abstraktion als Typisierung

All dies zeigt, daß schwächere Nominalisierung auf stärkere Individuierung, stärkere Nominalisierung dagegen auf stärkere Typisierung angelegt ist.

Nominalisierung und Typisierung
Individuierungeines SachverhaltsTypisierung
<----------------------------------------------->
schwacheNominalisierungstarke

Abstraktion kann sonach beschrieben werden als die Operation der Typisierung einer Situation durch Absehen von allen ihren Komponenten außer ihrem Kern, also ihre Reduktion auf einen Situations- (bzw. Ereignis)begriff. In natürlichen Sprachen geschieht dies produktiv durch Nominalisierung.

Es bleibt zu fragen, welche semantischen Korrelate Abstraktion in diesem Sinne hat, ob sie also das Significatum verändert. Die Frage ist jedenfalls zu bejahen. Zum ersten findet die genannte Typisierung statt, welche i.w. als Verlust gewisser Eigenschaften der zugrundeliegenden Proposition aufgefaßt werden kann. Besonders klar ist das bei der Reduktion der Valenz, welche jedenfalls einen anderen Begriff schafft. Zum zweiten impliziert die Nominalisierung eine Hypostase, d.i. eine Verdinglichung. Eigenschaften und Relationen inkl. dynamischer Relationen (in linguistischer Redeweise: Situationskerne) treten nur an Gegenständen auf, sind also insofern unselbständige Entitäten. Ihre Nominalisierung konvertiert die sie bezeichnenden Ausdrücke in NSen oder Substantive, folglich in Ausdrücke, welche - um mit Thomas von Erfurt zu sprechen - “nach der Weise der Substanz” bezeichnen, d.h. welche das Bezeichnete so behandeln, als wäre es ein Ding. Freilich ist dieser Begriff der Verdinglichung nur der Versuch einer positiven Fassung des oben erläuterten Verlustes der illokutiven Kraft eines selbständigen Satzes. Immerhin verbleibt im Ergebnis dieser Untersuchung die leicht paradoxe Einsicht, daß Abstraktion Verdinglichung voraussetzt.

Übungsaufgabe: Nominalstil


1 Statt Situation wird oft auch Ereignis oder Sachverhalt gesagt.