Einleitung

Einer der ersten Schritte bei der Versprachlichung der Nachricht ist ihre Portionierung für die Übermittlung. Kriterien für diese Gliederung sind einerseits des Sprechers eigene kommunikative Intentionen, andererseits auch seine Annahmen über den Bewußtseinsstand des Hörers, also über die derzeitige Verfassung des Redeuniversums. Im einzelnen werden die Inhalte gegliedert nach Kriterien wie

  1. Was ist Diskussionsgegenstand – was soll darüber gesagt werden?
  2. Was ist wichtig – was kann schon vorausgesetzt werden?
  3. Was ist neu – was knüpft an Bekanntes an?

Solche Gesichtspunkte berühren nicht in erster Linie den Inhalt der Nachricht selbst, sondern die Weise ihrer Übermittlung. Einen gegebenen propositionalen Gehalt kann der Sprecher auf verschiedene Weisen kommunikativ “verpacken”. Die Gesamtheit der sprachlichen Funktionen und Mittel in diesem Bereich heißt Informationsstruktur, in älteren Publikationen auch ‘kommunikativer Dynamismus’ oder ‘funktionelle Satzperspektive’.1 Im folgenden werden von den genannten drei Unterscheidungen nur die ersten beiden behandelt. Die letzte hat mit Determination zu tun.

Topikalisierung

Zunächst entscheidet der Sprecher, in welchen Bezugsrahmen er seine Äußerung setzt. Oft ist dieser durch den unmittelbar vorangehenden Kontext hinreichend gegeben. Andernfalls kann er explizit gemacht werden, z.B. so wie in B1.

B1.a. Was den Leseeifer betrifft, so liegt Thüringen auf den hintersten Plätzen.
b.Im Leseeifer, da liegt Thüringen auf den hintersten Plätzen.

Die Sätze in B1 bestehen aus einem ersten Teil, dem Topic (auch Topik2 oder Exposition), welcher den Bezugsrahmen enthält, und einem zweiten Teil, dem Comment, welcher das enthält, was in dieser Hinsicht gesagt werden soll.3

Der Comment bildet einen syntaktisch vollständigen Satz. Der Topic befindet sich in klaren Fällen wie in B1 links der Satzgrenze. Dieses Verhältnis wird in gesprochener Sprache durch den Intonationsverlauf - gehoben bleibende Intonation am Ende des Topic, gefolgt von optionaler Pause -, in geschriebener Sprache oft durch die Interpunktion bezeichnet.

Der Topic kann in einer Sprache grammatikalisiert sein. Im yukatekischen Maya folgt dem Topic obligatorisch das Enklitikum -e', wie in B2.

B2.Uk'àaba'-e'ts'o'kawu'y-ik-e'x.
YukPOSS.3Name-TOPTERMSBJ.2hör-INKMPL-2.PL
“Seinen Namen habt ihr schon gehört.” (FCP_004f)

Die gleiche Funktion hat im Japanischen die Partikel wa, wie in B3.

B3.Ruuzuberutonomaewadaregadaitooryoodesitaka?
JapRooseveltGENvorTOPwerNOMPräsidentwarINT
“Wer war vor Roosevelt Präsident?” (Dunn & Yanada 1958:109)

Ein Topic, der links der Satzgrenze steht, ist kein Satzglied. Er ist ohne syntaktische Funktion und lediglich durch seine kommunikative Funktion definiert. Der semantische Bezug, den der Comment auf ihn nimmt, kann im Satz durch ein (“resumptives”) Pronomen markiert sein, wie in B1, oder nicht, wie in B2 und B3. Um die Funktionen der Informationsstruktur von syntaktischen und von semantischen Funktionen abzugrenzen, heißen sie auch kommunikative Funktionen.

Die Konstruktionen mit Topic stehen in paradigmatischer Beziehung zu einfachen Sätzen, wie in B1' und B2'.

B1'.a.Im Leseeifer liegt Thüringen auf den hintersten Plätzen.
b.Thüringen liegt im Leseeifer auf den hintersten Plätzen.
B2'.Ts'o'kawu'y-ik-e'xuk'àaba'.
YukTERMSBJ.2hör-INKMPL-2.PLPOSS.3Name
“Ihr habt seinen Namen schon gehört.”

Die Konstituente, welche in B1 und B2 Topic ist, ist in B1' und B2' ein Satzglied in dem, was Comment war. Diese Beziehung kann man beschreiben, indem man von den letzteren Konstruktionen ausgeht und daraus die ersteren transformationell erzeugt. Dann ist Topikalisierung eine Operation der Informationsstruktur, welche eine Konstituente aus einem Satz herausholt und als Topic jenseits seiner linken Satzgrenze stellt. Als struktureller Prozeß ist dies Linksversetzung (engl. left dislocation, in der Germanistik “Herausstellung”). Linksversetzung geht, wie gesehen, häufig mit Pronominalisierung einher in dem Sinne, daß an der Stelle, wo der Topic war, ein resumptives Pronomen verbleibt. Diese transformationelle Analyse der Topikalisierung ist freilich “syntaktizistisch”, denn da der Topic selbst keine syntaktische Funktion hat, kann es auch Topics geben – und gibt es tatsächlich –, die nicht als Satzglieder innerhalb des einfachen Satzes zu akkommodieren und folglich auch nicht daraus herleitbar sind.

Wenn das Verhältnis von Topic und Comment in einer Sprache noch weiter grammatikalisiert wird, so wird die Satzgrenze zwischen ihnen fallengelassen, und der “Topic” ist einfach erste Satzkonstituente. Statt Topic und Comment hat man dann eine Aufteilung des Satzes (der Klause!) in Thema vs. Rhema (im 19. Jh. ‘psychologisches Subjekt’ und ‘psychologisches Prädikat’ genannt).

In B1'.a ist im Leseeifer Thema, der Rest Rhema. In B1'.b ist Thüringen Thema, der Rest Rhema. Wie man sieht, sind auch diese beiden kommunikativen Funktionen wohl zu unterscheiden von Satzgliedern wie Subjekt und Prädikat. Es ist aber möglich, daß die letzteren ihrerseits wieder noch weitergehende Grammatikalisierungen von Thema und Rhema sind.

Die Thema-Rhema-Gliederung ist im Deutschen stark grammatikalisiert in dem Sinne, daß im selbständigen Aussagesatz das finite Verb die zweite syntaktische Position besetzt. In Termini der Informationsstruktur besagt das, daß die erste Satzposition für das Thema reserviert ist (sie kann, wie wir unten sehen werden, auch vom Fokus besetzt werden). Welche syntaktische Funktion das erste Satzglied hat, ist dagegen – im Gegensatz z.B. zum Englischen – nicht festgelegt.

Fokussierung

Die zweite Gliederung eines Satzinhaltes nach kommunikativen Gesichtspunkten ist die in Fokus und Präsupposition. Hierbei wird fast der gesamte Satzinhalt vorausgesetzt (“präsupponiert”), gilt also zwischen Sprecher und Hörer als unstrittig. Nur die Identität einer Komponente im propositionalen Gehalt – syntaktisch gesprochen: die Besetzung einer Position im Satz mit lexikalischem Material – ist strittig oder überraschend. Hier kontrastiert der Sprecher das, was er für richtig hält, mit all den denkbaren Varianten, die er für falsch hält. Der Fokus steht also in Opposition zu allen Einsetzungen, auf die der Restsatz nicht zutrifft. Fokussierung (oder Fokalisierung) ist die Operation der Informationsstruktur, in welcher eine Satzkomponente als Fokus gegenüber dem Restsatz gekennzeichnet wird. B4 enthält zwei Beispiele.

B4.a. Es ist ihr eigener Geburtstag, den Erna vergessen hat.
b.Was Erna vergessen hat, ist ihr eigener Geburtstag.

Funktional betrachtet, gibt es zwei Varianten der Fokussierung. In der ersten davon besteht der Sprecher darauf, daß die Aussage nur mit dem von ihm in den Fokus gestellten Element zutrifft, oder daß es eine besondere Bewandtnis hat, daß ausgerechnet dieses Element diese Position einnimmt. Dieses Insistieren liegt in B4.a vor. In der anderen Variante knüpft der Sprecher an etwas im Redeuniversum bereits Eingeführtes an und stellt in den dadurch gegebenen Zusammenhang etwas, was er für einen Knüller hält, was wie eine Bombe einschlagen soll. Diese Suspension liegt in B4.b vor. In beiden Fällen kontrastiert der Fokus mit allen Elementen, die nicht seine Position besetzen; daher heißt diese extreme Form des Fokus auch Kontrastfokus.

Die Ausdrucksmittel für den Fokus sind vielfältig. Immer hat er emphatischen Satzakzent, oft verbunden mit gehobener (und dann abfallender) Intonation. Dies wird in den Beispielen durch Unterstreichung symbolisiert. Beim Kontrastfokus kommt als syntaktisches Mittel die Satzspaltung hinzu. Auch dieser Terminus setzt wieder eine transformationelle Analyse voraus, wo B4 aus B4' abgeleitet wird.

B4'.a. Ihren eigenen Geburtstag hat Erna vergessen.
b.Erna hat ihren eigenen Geburtstag vergessen.

In dieser Perspektive wird einer der Sätze in B4' in zwei Hälften gespalten, den Fokussatz und den extrafokalen Satz; der letztere kodiert die Präsupposition. Das fokussierte Element wird Prädikat des Fokussatzes, im extrafokalen Satz verbleibt eine Lücke, die durch die syntaktische Konstruktion (im Deutschen durch ein Relativpronomen) markiert wird. Das Insistieren wird durch einen Spaltsatz, wie in B4.a, ausgedrückt, die Suspension durch einen Pseudospaltsatz,4 wie in B4.b. Syntaktisch ist der Spaltsatz dadurch vom Pseudospaltsatz unterschieden, daß der Fokus vorangeht, während er im Pseudospaltsatz folgt. Der extrafokale Satz eines Spaltsatzes ist in den meisten Sprachen, darunter Französisch (vgl. B7) und Englisch, kaum jedoch Deutsch, ein total unmarkierter Nebensatz, eine Art von ‘daß’-Satz. Der extrafokale Satz eines Pseudospaltsatzes ist fast immer – wie auch im Deutschen – eine Art Relativsatz ohne Bezugsnomen.

Ein funktional komplexeres Mittel, das u.a. der Fokussierung dient, ist die Rechtsversetzung.

B5.a. (Die ist) ganz schön clever, diese Erna.
b.Den knöpfen wir uns bei Gelegenheit noch vor, diesen Schaumschläger.
B6. Great little program this - and free! (Xenu Link Checker Website)

Formal liegt in allen Beispielen von B5 und B6 Rechtsversetzung vor. Funktional ist in jedem Fall das vorangehende Prädikat rhematisch. In B5.a und B6 (this ist rechtsversetzt) hat das dem rechtsversetzten NS vorangehende Prädikat Fokus (wenn auch nicht gerade Kontrastfokus). Die Rechtsversetzung der Konstituente, die in einem einfachen Satz das Subjekt wäre, ist funktional etwas ungewöhnlich, weil es auf diese Konstituente selbst dabei gar nicht ankommt. Sie ist aus dem vorangehenden Kontext bekannt, also thematisch und folglich vollkommen unbetont. Ihre Nachstellung dient hier lediglich dazu, dem vorangehenden Satz mehr “Relief” zu geben, denn wenn er keinen unbetonten unmittelbaren Kontext hätte, würde man nicht so gut unterscheiden können, wie stark akzentuiert er tatsächlich ist. Der Vorgang zeigt also gut, daß Prominenz (syntagmatischen) Kontrast voraussetzt (mehr dazu in der Phonologie).

In B5.b dagegen ist in der rechtsversetzten Konstituente auch noch zusätzliche Information oder jedenfalls Wertung enthalten, und andererseits enthält der vorangehende Satz auch keinen Fokus. Hier liegt also funktional etwas anderes vor, was ‘afterthought’ genannt worden ist.

Ähnlich wie Topikalisierung ist auch Fokussierung innerhalb der Grenzen des einfachen Satzes möglich, wie in B4'. Dann verbleibt möglicherweise nur der emphatische Akzent auf dem Fokus als formale Markierung. Dabei gibt es noch die Stellungsvarianten B4'.a und b. Im Deutschen ist es nicht so klar, daß die Voranstellung einer Konstituente ein Mittel ihrer Fokussierung ist. Streicht man aus B4' das Wort eigenen einschließlich seinem Akzent, so könnte in B4'.a die erste Konstituente auch Thema sein, und die erste Konstituente in B4'.b könnte auch Fokus sein. Die Hauptkonstituentenstellung ist im Deutschen dermaßen syntaktisiert, daß sie gegenüber dieser funktionalen Alternative offen ist. Was im deutschen einfachen Satz den Fokus (gegenüber Topic bzw. Thema) disambiguiert, ist nicht die Wortstellung, sondern der kontrastive oder wenigstens emphatische Satzakzent.

Die Kontrastbedeutung des Fokus kann abgeschwächt werden. So gibt es von B4 und B4' eine mildere Lesung, wo nicht der eigene Geburtstag mit anderen Dingen kontrastiert, die Erna nicht vergessen hat, sondern wo er lediglich als besonders bemerkenswertes Beispiel von Ernas Vergeßlichkeit angeführt wird. Diese Art von Emphase kann jederzeit bloß durch Akzent und Ton markiert werden, ohne weitere syntaktische Konsequenzen.

Eine andere Art der Grammatikalisierung des Fokus liegt in Satzgliedfragen wie in B7 vor.

B7.Qu'est-cequetuasdit?
Frzwas-ist-esdaßduhastgesagt
“Was hast du gesagt?”

Die Frage nach dem direkten Objekt (optional auch nach anderen Satzgliedern) hat im Französischen die Form eines Spaltsatzes. Tatsächlich ist die erfragte Konstituente einer Satzgliedfrage immer im Fokus. Damit hängt es zusammen, daß sie im Deutschen so wie in vielen anderen Sprachen normalerweise die erste Satzposition besetzt und daß Satzgliedfragen in vielen Sprachen der Welt die Form von Spaltsätzen haben.

Topic und Fokus

Aus den genannten transformationellen Beziehungen ergeben sich Tests, mit denen man den Status einer Konstituente als Topic vs. Fokus auch im einfachen Satz feststellen kann. Betrachten wir noch einmal B8.a.

B8.a. Erna hat ihren Geburtstag vergessen.
b.Es ist Erna, die ihren Geburtstag vergessen hat.
c.Was Erna betrifft, so hat sie ihren Geburtstag vergessen.

Ohne Kontext und ohne Intonation ist die Informationsstruktur von B8.a nicht feststellbar.

B9.a.Und wieso ist nun Erna so mißvergnügt? - __
b.Karin hat ihren Geburtstag vergessen. - Nein, __
c.Jedes Familienmitglied hat ein Ereignis vergessen. __

Die Intonationskurven und die Paraphrasen sind in den jeweils anderen Kontexten unangebracht. Sie können also als Kriterium der Unterscheidung der kommunikativen Funktionen dienen.

Topikalisierung und Fokussierung können in einem einzigen Satz kookkurrieren; das ist sogar ziemlich häufig. Ein Beispiel war bereits in B3 zu sehen: Die Partikel wa markiert das Vorangehende als Topic; die Partikel ga markiert das ihr Vorangehende als Fokus.5 B10 bietet ein ähnliches Beispiel aus dem Yukatekischen.

B10.Tèen-e'mixba'linwohelleòorah-o'.
Yukich-TOPnichts[ SBJ.1.SGwissDEFStunde-D2 ]S
“Ich wußte damals nichts.” (wörtl.: 'Was mich angeht, nichts wußte ich damals.')

B3 und B10 haben gemeinsam, daß Topic und Fokus in dieser Reihenfolge an der linken Satzgrenze stehen. Genau gesagt steht der Topic davor, während der Fokus in bezug auf die Position links oder rechts der Satzgrenze ambivalent ist. Die Reihenfolge ist jedenfalls universal:

[ Topic [ Fokus extrafokaler_Satz] ].
Diese Reihenfolge ist ikonisch, denn sie spiegelt die Reihenfolge der Anwendung der beiden Operationen der Informationsstruktur: Topikalisierung dient der Kontextualisierung des Gesagten, während Fokussierung seiner inneren Gliederung dient.

Wir sahen, daß einige der angeführten Funktionen und Strukturen in einer Grammatikalisierungsbeziehung stehen derart, daß eine gegebene kommunikative Funktion in verschiedenen Stärkegraden und somit durch verschieden aufwendige Strukturmittel erfüllt werden kann. Wird sie grammatikalisiert, ist der kommunikative Effekt schwächer, und sie kann von konkurrierenden kommunikativen Funktionen überlagert werden. In diesem Sinne ist Fokus eine besonders emphatische Form des Comment; und andererseits ist das Subjekt ein völlig grammatikalisiertes Thema. Diese Beziehungen stellt die folgende Tabelle zusammen:

Versucht man, diese Korrespondenzen mit der soeben dargestellten Konstituentenstruktur zur Deckung zu bringen, stellt man folgendes fest:

Daher ist der Fokus der zentrale Teil des Comments. In diesem Sinne wird die Terminologie der Informationsstruktur nicht selten vereinfacht, indem die Dichotomien ‘Topic – Comment’ und ‘Präsupposition – Fokus’ zu einer einzigen namens ‘Topic – Fokus’ zusammengelegt werden.

Übungsaufgaben
1.Interpretation des kontrastiven Akzents
2.Pronomina und Informationsstruktur
3.Negation

1 Die Termini ‘funktionelle Satzperspektive’ und ‘kommunikativer Dynamismus’ sind in anglophoner Linguistik kaum rezipiert. Dort ist in diesem Zusammenhang nicht selten von ‘pragmatics’ und ‘pragmatic functions’ die Rede. Aber da liegt einfach Unkenntnis dessen, was Pragmatik (auch sonst in der anglophonenen Linguistik) ist, vor.

2 /'topik/ (m/n), i.Ggs.z. /'tōpik/ (f) (eine Sparte der Rhetorik)

3 Comment wird gelegentlich mit dt. Kommentar übersetzt; aber das ist ein ‘faux ami’.

4 Der Terminologie liegt die Annahme zugrunde, daß der Spaltsatz eine syntaktische Konstruktion sui generis ist, während der Pseudospaltsatz in Wahrheit nichts ist als komplexer Satz, dessen Subjekt ein Relativsatz ohne Bezugsnomen ist.

5 Wenn das Subjekt Fokus hat, wird es durch ga markiert, wenn es topikalisch ist, durch wa.