Vorbemerkung

Von dieser Datei gibt es zwei Fassungen:

Die erstere macht einen etwas bruchstückhaften Eindruck, was sich nicht vermeiden ließ.

Die folgende Klassifikation ist funktional orientiert. Sie ist weitgehend hierarchisch; aber ein gegebener phonologischer Prozeß kann gleichzeitig mehrere Funktionen erfüllen, und insofern gibt es Mehrfachzuordnungen.

Zahlreiche Beispiele sind lediglich angedeutet; sapienti sat.

1. Segmentale/paradigmatische Veränderungen

1.1. Tilgung von Segmenten und Merkmalen

Viel phonologischer Wandel ist einfach reduktiv und wird daher gelegentlich als “Erosion” bezeichnet. Die Geschichte des Französischen ist ein Paradebeispiel:

Reduktion des Wortkörpers (frz. [vɛʁ])
Latein Spanisch Französisch
vermis Wurm verme ver
versus gegen verso vers
vitrum Glas vidrio verre
viridis grün verde vert

Andere sprechende Beispiele sind die Stadt, die in der Antike Augustodunum hieß und heute Autun [oˈtɛ͂] heißt, sowie der Monat, der in der Antike Augustus hieß und heute août, i.e. [u(t)], heißt.

Schwächung und Tilgung von Segmenten kann der Vereinfachung der Silbenstruktur dienen und wird dann in dem betreffenden Abschnitt behandelt. Sie kommt aber auch sonst vor und findet gelegentlich auch ohne Kontextbedingungen, also als spontaner Lautwandel statt.

1.1.1. Tilgung von Segmenten

Hier wie sonst ist zwischen zwei Fällen zu unterscheiden, der bedingten und der unbedingten Tilgung von Segmenten. Im ersteren Falle wird ein Segment nur in bestimmten Kontexten getilgt, was aber seine Zugehörigkeit zum System nicht anficht. Im letzteren Fall verschwinden Segmente ganz aus allen Kontexten, mithin aus allen (künftigen) Texten und mithin aus dem Inventar.

1.1.1.1. Totalverlust

Ein Beispiel für Totalverlust ist der Schwund von /h/ im Lateinischen.1

Schwund von /h/ im Latein

Auf einer ersten Stufe, im archaischen Latein (vor -300), schwand /h/ intervokalisch. Auf einer zweiten Stufe, im 1. Jh.v.Ch. (d.i. zu Beginn der Periode des Klassischen Lateins), schwand /h/ überhaupt aus der Sprache.

archaischklassischvuglärlat.Bedeutung
/h/
ne-hemonēmo niemand
dē-hibeodēbeohalte ab
nihilnilnichts
/h/
habeoabeohabe
hancancdiese
honoremonoremEhre

/h/ schwindet auch vom Altgriechischen zum Neugriechischen. Z.B. altgr. Hómēros → neugr. Ómiros.

Die anderen hier zu besprechenden Beispiele betreffen bedingte Tilgung. Als erstes wäre die Synkope zu nennen. Die ist jedoch ein durch Silbenstruktur bedingter Prozeß. Daher s.u.

1.1.1.2. g-Tilgung

Gruppen, die <ng> geschrieben werden, enthalten in hochdeutscher Phonetik normalerweise kein [g]. Nachdem durch die Regel der homorganischen Nasalassimilation das {n} velarisiert wurde, ist das {g} zu tilgen:

R9. g/ ŋ ___ K0 X Hang, hänge, hängst;
Kongreß, Ungarn, Tango
Bedingung:X[ + vokal ]
[ + gespannt ]

Zu der Tilgung gibt es eine Reihe von Ausnahmen, die den Charakter einer Subregularität haben. Sie werden in R9 durch die Bedingung “außer bei gespanntem Vokal in der Folgesilbe” erfaßt.

Der Zusammenhang mit der Silbengrenze bleibt zu klären. Vor dem /g/, das nicht getilgt wird, liegt eine Silbengrenze. Es ist aber nicht sicher, daß man diese als negative Kontextbedingung für die Tilgung nutzen kann, solange nicht klar ist, wieso im Input vor dem /g/ von betroffenen Wörtern wie hänge keine Silbengrenze ist (vgl. Kap. 14.1).

1.1.2. Tilgung von Merkmalen

Viele Wandel führen zur Vereinfachung von Segmenten. Als komplex empfundene Merkmale bzw. Merkmalswerte können getilgt werden. Im Sinne der Markiertheitstheorie ist das so zu verstehen, daß ein ‘m’ als Merkmalswert gelöscht wird, wodurch das Merkmal einen unmarkierten Wert erhält.

In der Germanischen Lautverschiebung werden /b d g/ zu /p t k/; und ebenso werden /bʰ dʰ gʰ/ zu /b d g/.

In deutschen Dialekten (z.B. Schlesisch) werden vordere Vokale entrundet: /y ʏ ø œ/ → /i ɩ e ɛ/. Vgl. nhd. Fuß – Füße, aber schles. Fuß – Fiß.
Dasselbe ist schon längst im Englischen passiert: Der - durch Umlaut gebildete - Plural von /fut/ ist heute nicht /fyt/, sondern /fit/.

1.2. Schwächung von Konsonanten

= Lenition

1.2.1. Reduktion auf Glottal

Im Cockney werden stimmlose Okklusive zu [ʔ]: phonetics [fəˈnɛʔɩks].

1.2.2 Frikativierung

(ehemals = Spirantisierung)

Erster Teil der germanischen Lautverschiebung.

Span. todo, digo, lobo ist [ ˈtɔðɔ, ˈðiɣɔ, ˈlɔβɔ ]; findet auch im Auslaut statt (ciudad), ist also keine Assimilation.

1.3. Stärkung von Konsonanten

= Fortition

Gemination: ital. vabbene, arrivederci, allora, oppure.

Affrikation: Hochdeutsche Lautverschiebung

Verschärfung: lat. maior → ital. maggiore

1.4. Bisegmentalisierung

Alternativ zur Tilgung von Merkmalen können die Merkmale eines komplexen Segments auf eine Sequenz von zwei Segmenten verteilt werden, deren jedes einfacher ist. Die Wörter España und Sevilla werden im Spanischen [ɛs'paɲa] und [sɛ'βiʎa] gesprochen. Die Laute [ɲ] und [ʎ] enthalten die Merkmalkombinationen [+ nasal, + palatal] bzw. [+ lateral, + palatal]. Im Deutschen kommen jeweils die beiden Merkmale nicht in einem Segment zusammen vor. Werden die Wörter mit den Möglichkeiten des deutschen Lautsystems wiedergegeben, werden sie [ʔəs'panja:] und [zə'vɩlja:] ausgesprochen. Bei der Bisegmentalisierung der komplexen Segmente werden Sequenzen von zwei Segmenten mit den Eigenschaften [+ nasal ] | [ + palatal] bzw. [+ lateral ] | [ + palatal] geschaffen.

Der deutschen Aussprache des palatalen l entspricht die italienische Aussprache des velaren [ɫ], z.B. in englischen Wörtern wie simple [sɪmpɫ͙]. Es gibt im Italienischen weder ein velares noch ein silbisches l. Bisegementalisierung macht aus diesem Wort [simpul].

2. Sequentielle/syntagmatische Veränderungen

2.1. Ähnlichkeitsanpassungen

Es gibt zwei Hauptarten der Ähnlichkeitsanpassung, die Assimilation und die Dissimilation. Die erstere ist erheblich wichtiger und regelmäßiger.

2.1.1. Assimilation

Assimilation ist die Angleichung eines Lautes an einen im (phonologischen) Syntagma benachbarten. Z.B. lautet das englische Präfix der negativen Derivation in inefficient [in], aber in imperfect [im]. Im letzteren Falle wird der Nasal bzgl. seiner Artikulationsstelle an den folgenden Obstruenten assimiliert. (Das ist die unten ausführlich behandelte homorganische Nasalassimilation.)

Mit Bezug auf den Regelformalismus kann man Assimilation als einen Prozeß definieren, in welchem einem Segment für ein oder mehrere Merkmale dieselben Werte zugewiesen werden, die im Kontext spezifiziert sind.

Es sind also zwei in einem Syntagma auftretende Segmente involviert: eines, das die Assimilation auslöst und dessen Merkmalwerte übernommen werden, und ein anderes, das die Merkmalwerte übernimmt und sich angleicht. Diese heißen im folgenden das Assimilans und das Assimilandum. In dem gegebenen englischen Beispiel ist das [p] das Assimilans, das [n] das Assimilandum.

Es gibt zahlreiche Assimilationsprozesse, die man nach verschiedenen Kriterien einteilen kann:

    Nach der Distanz der Assimilation:
  1. Kontaktassimilation: Assimilans und Assimilandum folgen einander unmittelbar;
  2. Fernassimilation: Assimilans und Assimilandum sind durch mindestens ein Segment getrennt.
    Nach der Assimilationsrichtung:
  1. progressive Assimilation: das Assimilans geht dem Assimilandum voran,
  2. regressive Assimilation: das Assimilandum geht dem Assimilans voran.
  3. wechselseitige Assimilation: beide Segmente sind Assimilans und Assimilandum.
    Nach dem Umfang der Assimilation:
  1. Partielle Assimilation: einige Merkmale werden auf das Assimilandum übertragen;
  2. Totalassimilation: das Assimilandum wird eine Kopie des Assimilans.

2.1.1.1. Kontaktassimilation

In den folgenden Zwischenüberschriften bedeutet X → Y "X ist Assimilans, Y ist Assimilandum".

1. Vokal → Konsonant
2.1.1.1.1. Palatalisierung

Palatalisierung ist ein Prozeß, der die Artikulationsstelle von Konsonanten in zwei Schritten verändert:

  1. Der Konsonant erhält eine sekundäre palatale Artikulation.
  2. Die palatale Artikulationsstelle bleibt als einzige übrig.

War der Konsonant ein Plosiv, so wird er nach dem zweiten Schritt i.a. ein Affrikat.

Also z.B.: [k]

  1. → [kʲ]
  2. → [c]
  3. → [ʧ] (č)

Palatalisierung ist i.a. als Assimilation an einen folgenden palatalen Vokal konditioniert, kommt aber gelegentlich auch unter anderen Bedingungen vor.5

Die Palatalisierung der lateinischen Velare im Italienischen ist ein Fall der Kontaktassimilation eines Konsonanten an einen Vokal.

Palatalisierung im Italienischen
lat.ital.
[ + hinten ][ - hinten ] /[ ____ ]
[ + kons ]
[ - hinten ]
[ - koronal ]
CaesareCesare (Resultat: Aufspaltung)
['kæsare]['ʧezare]
gentegente (Resultat: Aufspaltung)
['gente]['ʤente]

Dies ist insoweit ein phonologisch konditionierter kombinatorischer Lautwandel. Er wandelte z.B. griech. gyros /giros/ in ital. giro ['ʤiro] und führte die Alternation in ital. amico ~ amici herbei. Die Beschreibung der Palatalisierung durch eine phonologische Regel setzt eine Analyse der Artikulationsstellen in binären Merkmalen voraus, z.B. wie in der folgenden Matrix (nach Heidolph et al. 1981:947):

Binäre Analyse der Artikulationsstellen
Art.stelle
Merkmal   ╲
labialdentalalveolar palatalvelaruvular
[anterior]++- ---
[koronal]-++ ---
[hoch]--+ ++-
[hinten]--- -++

Sonach ist Palatalisierung i.S.v. Überführung eines Velars in einen Palatal auf elementarem Niveau durch folgende Regel zu beschreiben:

R3. [+ kons ] [- hinten ] / __ [- hinten ]

Historische Fälle von Palatalisierung können sich durch spezifischere Bedingungen unterscheiden. Z.B. gilt meist (aber nicht z.B. in lat. nocte → port. noite), daß das Assimilans [- kons ] ist.

Die Einfachheit und Eleganz von R3 beruht z.T. auf Interpretationskonventionen. Eine betrifft solche Segmente, die bereits den durch die Regel eingeführten Merkmalswert haben. Man könnte sie vom Input ausschließen dadurch, daß man vor dem Pfeil noch [+ hinten] verlangte. Man kann aber die Regel auch auf solchen Input anwenden; sie läuft dann leer. D.h. sie ist dann nicht so sehr eine Veränderung eines bestimmten Inputs als eine Generalisierung über jeglichen zulässigen Output.2 Andere Interpretationskonventionen betreffen die nicht erwähnten Merkmale. Im einfachsten Falle bleiben sie unangetastet. Die Regel würde so, wie formuliert, einen Velar in einen Palatal wandeln, einen Uvular jedoch in ein unmögliches (jedenfalls in obiger Tabelle nicht vorgesehenes) Segment. Wenn die Regel in einer Sprache operieren soll, die keine Uvulare hat - z.B. Italienisch -, kann man sie so lassen. Andernfalls muß man sie anpassen je nachdem, ob in dieser Sprache Uvulare palatalisiert werden.

2.1.1.1.2. Labialisierung

Die Labialisierung von Konsonanten vor [u] und [w] in Wörtern wie Kuh und quando funktioniert ähnlich wie Palatalisierung.

2.1.1.1.3. Deutsche Velarisierung von ç

Die Alternation von dt. [ç] ~ [χ] ähnelt der italienischen [ʧ] ~ [k] insofern, als ein palataler mit einem weiter hinten artikulierten Konsonanten wechselt. In dem deutschen Fall liegt allerdings der zur Palatalisierung spiegelbildiche Prozeß vor, denn wie wir in einem anderen Abschnitt sahen, ist [ç] das Basisallophon. Die Regel lautet daher wie folgt:

R4.[ + obstr ]
[ + kont ]
[ + hoch ]
[ - strident ]
[ - sth ]
[ + hinten ] / [- kons ]
[+ hinten ]
___ brauchte - bräuchte;
brauchen - Frauchen
Bedingung: keine Morphemgrenze dazwischen

Zu der Bedingung s. den Kommentar zum lateinischen Rhotazismus. In allen folgenden Regeln werden allerdings Morphemgrenzen ignoriert.

2.1.1.1.4. Verstimmhaftung intervokalischer Konsonanten

Die Verstimmhaftung intervokalischer Konsonanten wie in lat. casa → ital. [kaza] ist evtl. ebenfalls einschlägig. Im Spanischen nimmt sie folgende Form an:

B7.lat.span.
[ - kont ][ + sth ]/ V __ V
Verstimmhaftung intervokalischer Plosive im Iberoromanischen
Latein Aragonesisch Spanisch Portugiesisch Bedeutung
lupoloboloboWolf
tototodotodoalles
uītavidavidaLeben
rotaruedarodaRad
spathaespataespadaespadaSchwert
patrepadre(pai)Vater
civitateciudadcidadeStadt
dicodigodigosage
loricalorikalorigalorigaPanzer

Im Resultat spaltet sich jedes stimmlose Okklusiv-Phonem in zwei Allophone auf, wovon das eine mit einem anderen existenten Phonem (einem stimmhaften Okklusiv) zusammenfällt.

Ein anderes Beispiel ist der lateinische Rhotazismus:

Lateinischer Rhotazismus
archaischAltlatein
sr/V__(#)V
PapisiusPapirius
*dis-imodirimo
*tempos-istempor-is
de-sinode-sino

Die Kontextbedingungen einer phonologischen Regel sind so zu lesen, daß für den angegebenen Kontext unmittelbare Adjazenz gefordert wird, außer diese Bedingung ist ausdrücklich außer Kraft gesetzt. Obige Regel läßt also zu, daß dem betroffenen /s/ zunächst eine Morphemgrenze und dann erst der zweite Vokal folgt, während sie Entsprechendes für den vorangehenden Vokal nicht zuläßt.


Der Stern vor angeführten Formen bedeutet “nicht belegt, sondern rekonstruiert”.

Ausführliche Darstellung des Rhotazismus in:

Trask, R. Larry 1996, Historical linguistics. London: Arnold; New York: Oxford University Press; 79-82.

Hier wird zuerst das intervokalische /s/ stimmhaft, und in einem zweiten Schritt wird /z/ zu /r/. Der erste Schritt führt zu Aufspaltung des /s/ in [s] und [z]; der zweite Schritt führt zu Zusammenfall von [z] mit /r/ (= [r]).

2.1.1.1.5. Deutsche Frikativierung von g

In Wörtern wie wenig - wenige, reinigt - reinige alterniert [ç] mit [g]. Die Alternation passiert - im Standarddeutschen! - nicht in Zweig, liegt, fügt. Sie kann durch folgende Regel beschrieben werden:

R5. g [ - hinten ] / [ + vokal ] ___ ([+ kons ]) • X König(s) - Könige - königlich
[ + kont ] [ + hoch ]
[ - hinten ]
[ - betont ]
Bedingung: X ≠ {-liç}

Die Regel wandelt das /g/ in /ʝ/; auf dieses wirkt dann die Auslautverhärtung.
Die Ausnahme ist von Th. Siebs aus euphonischen Gründen festgesetzt worden; sie ist offensichtlich unorganisch.
Da der den vorangehenden Kontext definierende Vokal [+ kont ] ist, ist es (implizit) eine Assimilationsregel.

2. Konsonant → Vokal

Merkmale eines Konsonanten gehen auf einen Vokal über z.B. in der Verstimmlosung von Vokalen, aber auch in folgendem Fall:

2.1.1.1.6. Nasalierung

Ein typisches Beispiel für Assimilation ist die allophonische Nasalierung eines Vokals vor homosyllabischem Nasalkonsonanten. Im Altfranzösischen werden Vokale in diesem Kontext nasaliert. Dies ist die erste Stufe eines zweistufigen Wandels, der insgesamt im Kapitel über die phonologische Systematik des Lautwandels dargestellt wird. Diese erste Stufe kann durch folgende Regel beschrieben werden:

R2. [+ vokal ] [ + nasal ] / __ [ + nasal ] (K) •
3. Konsonant → Konsonant

In Beispielen wie frz. socialisme, span. socialismo wird ein Konsonant in der Nachbarschaft eines stimmhaften Konsonanten stimmhaft. Verstimmhaftung von Konsonanten ist oft ein Assimilationsprozeß. Entsprechendes gilt für Verstimmlosung.

Lateinische Plosive nehmen auf dem Weg ins Italienische die Artikulationsstelle des folgenden Plosivs an:
lat. octo → ital. otto

2.1.1.1.7. Homorganische Nasale

In Fremdwörtern wie Kontrast, komplett, Konkurs hat das /N/ am Ende des Präfixes die Artikulationsstelle des folgenden Konsonanten. Auch in deutschen Wörtern wie Bank, Stumpf hat der Nasal notwendigerweise dieselbe Artikulationsstelle wie der folgende Obstruent; Silben wie [bank], [stunpf] sind keine möglichen deutschen Wörter. Man könnte den homorganischen Nasal bereits in der lexikalischen Repräsentation dieser Wörter ansetzen. Allerdings ist in informeller Rede die Assimilation zu homorganischen Nasalen ein phonologischer Prozeß: ankommen hat [ŋ], anbeißen hat [m]. Diese Regel kann man auch auf die lexikalischen Repräsentationen von Bank und Stumpf anwenden. Dann braucht man in diesen die Artikulationsstelle des Nasals nicht zu spezifizieren; sie wird erst durch die Regel der homorganischen Nasalassimilation festgelegt (s. Unterspezifikation).

Die Folge [ŋg] kommt innerhalb eines hochdeutschen Morphems nicht vor; stattdessen tritt lediglich [ŋ] auf. Auch hier könnte man das tatsächlich Gesprochene zur zugrundeliegenden Repräsentation machen. Allerdings ist das /ng/ in Dialekten erhalten. Z.B. heißt es auf Österreichisch [maŋgl] und – dort wie in anderen deutschen Dialekten –, mit Auslautverhärtung, ['aχtʊŋk ]. Dies spricht dafür, die Kombination {ng} in der lexikalischen Repräsentation solcher Wörter anzusetzen und den velaren Nasal durch dieselbe Regel der homorganischen Nasalassimilation zu erzeugen, die man sowieso braucht. Eine spätere Regel muß dann das /g/ tilgen.

Andere

Im Altgriechischen assimiliert sich ein Konsonant in Artikulationsstelle und Artikulationsart an den folgenden. Der Stamm phulak- “wachen” erscheint in folgenden Formen:

4. Vokal → Vokal

Die Assimilation eines Vokals an einen Vokal liegt vor in der sogleich zu besprechenden Vokalharmonie. Innerhalb derselben Silbe teilen oft alle Vokale einen bestimmten Merkmalswert. Z.B. ist es nicht gut möglich, daß in einer Silbe ein Vokal [+ nasal], der nächste [- nasal] ist. Das lat. canes “Hunde” (mit Oralvokalen) wurde im Portugiesischen zu dem einsilbigen cães, i.e. [kɐ͂ɪ͂ʃ].

2.1.1.2. Fernassimilation

2.1.1.2.1. Vokalharmonie

Vokalharmonie ist eine Beschränkung, wonach alle Vokale eines phonologischen Wortes in bestimmten Merkmalen übereinstimmen müssen. Die Werte dieser Merkmale werden in der lexikalischen Wurzel festgesetzt; die Vokale von Affixen assimilieren sich.

Hier sind einige türkische Beispiele:

2.1.1.2.2. Umlaut

Umlaut (ausführlich dazu anderswo) liegt im heutigen Deutsch in Paaren wie blau – bläulich, Korn – Körner, Mutter – Mütter vor.

Umlaut im Deutschen

Der Umlaut hat als phonologischer Prozeß folgende Form:

[+ vokal ]
[ - kons ]
[ - hinten ] /__X • Y[ - kons ]
[ - hinten ]
 [ + hoch ]
germ. gast-iahd. gest-i

Er tritt in den germanischen Sprachen bereits vor Beginn der Überlieferung als phonologischer, zu Allophonie führender Prozeß auf und verbreitet sich in ihnen von Nord nach Süd. In der Folgezeit wird der Umlaut in den einzelnen Sprachen zuerst phonologisiert, dann morphologisiert.

Umlaut ist im Altenglischen seit Beginn der Überlieferung (7. Jh.), im Ahd. seit dem 11. Jh. phonologisiert, d.h. die Produkte des Umlauts (die "Umlaute") werden Phoneme (s. das Kapitel über die phonologische Systematik des Lautwandels). In den folgenden Jahrhunderten wird der Prozeß in allen diesen Sprachen morphologisiert (ibid.), d.h. er wird nicht mehr phonologisch, sondern morphologisch konditioniert.

2.1.1.3. Assimilationsrichtung

Bei der Assimilation nimmt ein Segment Merkmal(swert)e eines benachbarten Segments an. Es kann sich um ein folgendes oder ein vorangehendes Segment handeln; und außerdem können Merkmale in beide Richtungen wandern. Je nachdem ist die Assimilation

Regressive (antizipative) Assimilation ist viel häufiger als progressive. Also spielt Antizipation in der Rede eine größere Rolle als Perseveration. Das ist auch bei Versprechern so.

2.1.1.4. Umfang der Assimilation

2.1.2. Dissimilation

Dissimilation ist der Prozeß, in dem ein Laut einem im (phonologischen) Syntagma benachbarten Laut unähnlich wird. Die Kriterien der Klassifikation von Dissimilationsprozessen sind dieselben wie in der Assimilation. Hier wird nur das Kriterium der Distanz benutzt:

2.1.2.1. Kontaktdissimilation

In den folgenden Beispielen wird die Artikulationsstelle eines Konsonanten dissimiliert:

idg. *pot-lom “Becher” → *poc-lom (→ lat. poculum)

(lat. vetulo “alt” →) *vetloveclo (App. Probi) (→ ital. vecchio)

ai. vas- "wohnen", Fut. *vas-syativatsyati

In den folgenden Beispielen geht es um Dissimilation der Artikulationsart:

agr. (khthes → ngr. xθes, aber:) elévθeroselefteros.

Ähnl. die Bedingung der germanischen Lautverschiebung: idg. ptk → germ. fθx, außer nach s.

2.1.2.2. Ferndissimilation

Das lateinische Derivationssuffix X-ali- “auf X bezogen”, wie in regalis “königlich”, navalis “auf Schiffe bezogen”, erscheint als Allomorph -ari-, wenn der vorangehende Stamm ein /l/ enthält: militaris “auf Soldaten bezogen”, singularis “auf einzelne bezogen”.

Lat. arbore, Mercure, peregrino, veneno → ital. albero, Mercole, pelegrino, veleno

Lat. arbore → span. arbol, gr. álgos – argaléos "beschwerlich"

Lat. sanguine → span. sangre.

Im Altgriechischen werden Plosive an aufeinanderfolgenden Silbenansätzen bzgl. Aspiration dissimiliert, und zwar normalerweise so, daß der erste der beiden Plosive unaspiriert wird (Graßmanns Gesetz): thríks (Haar:NOM) – trikhós (Haar:GEN). Dies geschieht regelmäßig in der Reduplikation: pe-phúteuka, tí-thēmi. (Formalisierung im übernächsten Abschnitt.)

Im Yukatekischen lautet das Faktitivsuffix -kunt nach vorderen Vokalen und -kint nach hinteren Vokalen.

2.1.3. Haplologie

Haplologie ist die Tilgung einer phonologischen Einheit (eines Segments oder einer Silbe), wenn ein Token desselben Typs im unmittelbaren Kontext ist.

Bsp.: Morphonologie.

Nicht selten ist sogar die Bedingung der totalen Gleichheit gelockert, so in dem oft zitierten Beispiel Konservatismus, in dem Familiennamen Vogelsang und in altgr. *amphi-phoraamphora.

Vereinfachung von Reduplikation (gr. ké-kluka) ist ebenfalls eine Art Haplologie und gleichzeitig verwandt mit Dissimilation.

2.2. Silbenstrukturveränderungen

Die Struktur der optimalen Silbe ist KV. Sprachen sind verschieden restriktiv in ihrem Streben nach der optimalen Silbenstruktur; Näheres in Phonetik & Phonologie, Kap. 14. Wenn durch Kombination oder durch Entlehnung Sequenzen entstehen, die in einzelnen Punkten von der optimalen Silbenstruktur abweichen, finden Silbenstrukturveränderungen statt. Dafür gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten:

Viele Prozesse der Hinzufügung oder Tilgung von Segmenten tragen griechische Bezeichnungen:

2.2.1. Bei komplexem konsonantischem Silbenanlaut

Die optimale Silbe sollte mit einem einzigen Konsonanten anlauten. Silben, die mit mehr als einem Konsonanten anlauten, sind nicht optimal und der Reparatur ausgesetzt. Die einfachste und gleichzeitig grundsätzliche Lösung ist die Resyllabierung: KK•V → K•KV, wie in dt. AstÄste.

Prozesse der segmentalen Anpassung lassen sich wie folgt klassifizieren:

2.2.1.1. Prokope

Der erste Konsonant einer Gruppe kann getilgt werden. Der Prozeß heißt Konsonantenprokope. Z.B. ist die Gruppe /kn/ in engl. acknowledge unanstößig; aber in know und knight, wo sie im Wortanlaut steht, existiert sie nur noch in der Schrift. Griechische Fremdwörter wie engl. psychology, Ptolomy haben in der Aussprache den ersten Konsonanten eingebüßt. Im Vorlateinischen wurde zu dem Perfekt tuli “trug” das Partizip *tlātus “getragen” gebildet, das in der historischen Sprache per Prokope lātus lautet.

2.2.1.2. Konsonantenkontraktion

(oder auch Konsonantenfusion oder Koaleszenz:)

/kh/ → [kʰ], /kʔ/ → [k'], /kj/ → [kʲ], /kw/ → [Kʷ];

gr. méthodos, oukhoũtos.

Okklusiv+Frikativ → Affrikat

2.2.1.3. Halbvokalisierung

Halbvokalisierung eines Konsonanten ist die Überführung eines [+ kons] Segments in ein [- kons] Segment, was häufig nicht ceteris paribus abgeht, sondern eben die Schaffung der Halbvokale [j] bzw. [w] anzielt. Das passiert typischerweise an den Rändern des Silbennukleus, also einerseits am Ende eines komplexen Ansatzes, so wie hier zu besprechen, und andererseits am Anfang der Koda (s.u.). In beiden Fällen wird die Grenze zwischen Silbenrand und Nukleus verschoben.

lat./ital. l → j /•K _ V

chiaro, chiostro, piano, più, fiamma, biondo

2.2.1.4. Anaptyxe

"Entfaltung" eines parasitären neuen Segments, insbes. eines Vokals ("Sproßvokal"):

apers. brādar → npers. berāder;

lat. *poclompoculum, saeclumsaeculum;

griech. drakhmē > lat. dracuma;

evtl. engl. *centrcenter.

Der in eine Konsonantengruppe eingeschobene Vokal wurde in der altindischen Grammatik Svarabhakti genannt. In vielen Grammatiken rechnet man in diesem Zusammenhang mit Euphonie (griechisch, “Wohllaut”).

2.2.1.5. Vokalprothese

Hinzufügung eines Vokals am Wortanfang. Ist in gewissem Sinne ein Fall von Anaptyxe.

span. escuela, frz. esprit

Wird der Vokal statt vor das zweite an das erste Wort angefügt, heißt der Prozeß Prosthese. So etwa ital. un sùddito, aber uno studente

2.2.2. Bei vokalischem Silbenanlaut

Wenn eine gegebene Silbe vokalisch anlautet, sind zwei Situationen zu unterscheiden:

Der letztere Fall bildet ein Problem, das auch einen traditionellen Namen hat: Hiat(us) (“Gähnen”). Folgende Prozesse finden statt:

2.2.2.1. Prothese

Prothese eines Konsonanten am Anfang der Silbe. In der Orthographie folgt er oft dem Vokal der vorangehenden Silbe; daher wird der Prozeß traditionell als Konsonantenepithese beschrieben.

Engl. the idea-r-is good;

lat. prodesse

griech. nũn ephelkustikón wie in eĩpe(n)

ital. e dice “und sagt”, aber ed esce “und geht hinaus”.

2.2.2.3. Silbenvereinigung

2.2.2.2.1. Synärese

Synärese (oder Synizese) ist eine Art von Halbvokalisierung, die wie folgt zu symbolisieren ist:

V1 • V2 → H1 V2 (oder evtl. V1 H2)

Im Input folgt also auf einen Silbengipfel V1 unmittelbar ein weiterer V2. Die Silbengrenze wird getilgt, und nur einer der beiden Vokale – normalerweise der zweite – bleibt Silbengipfel, während der andere zum Halbvokal wird. Es entsteht also ein (steigender) Diphthong. Dadurch wird z.B. span. calla y escucha “halt den Mund und hör zu” (y [i] “und”) fünfsilbig: [ˈkajajɛsˈkuʧa].

Lat. /sapiat/ > [ˈsapjat]. Wie ein Vergleich mit Gleitlautinsertion zeigt, kann die Abweichung von der optimalen Silbenstruktur, die durch die unmittelbare Folge zweier Vokale gegeben ist, bei gegebener morphophonemischer Basis auf zwei alternative Weisen bereinigt werden.

2.2.2.2.2. Vokalkontraktion

Die Kontraktion zweier Vokale ist zunächst der Verlust der Silbengrenze zwischen ihnen, wie in der Synärese. Bilden sie dann einen komplexen Silbennukleus, so kann dieser weiter vereinfacht werden durch Prozesse, die unten beschrieben werden.

gr. timá-ōtim-õ, pló-ouploû, philé-eiphileî.

2.2.2.4. Apokope

Die folgenden beiden Prozesse, Apokope und Prokope, sind nur dadurch definiert, daß ein Vokal im Wortauslaut bzw. am Wortanlaut getilgt wird. Es gibt auch Fälle, die nicht kontextbedingt sind; diese werden jeweils zuerst genannt. Am häufigsten finden die Prozesse freilich statt in der Konstellation V•V; deshalb werden sie in diesem Abschnitt behandelt.

Auslautender Vokal wird ausgestoßen:

dt. dem Mann(e), zu Haus(e), gern(e), mhd. herze > Herz, frz. rouge.

2.2.2.4.1. Elision

Apokope bei vokalischem Anlaut des nächsten Worts:

gr. ep'autõ, frz. l'ami, port. do, da.

2.2.2.5. Prokope

Unterdrückung von Lauten am Wortanlaut

's ist

Im Baule passiert es (ohne daß ein vokalauslautendes Wort vorangeht) am Anfang von mehr als viersilbigen Wörtern (Ahoua 2000:144f).

Vom Altgriechischen zum Neugriechischen gehen alle unbetonten anlautenden Vokale außer /a/ verloren:

Vokalaphärese im Griechischen
altgriech.neugriech.Bedeutung
erōtõrōtõfrage
(h)upsēlóspsilóshoch
(h)ēméraméraTag
odóntiondóntionZähnchen
oudéndennichts

Daher wohl auch ital. bottega, span. bodega < altgriech. apothēkē.

Auch Konsonanten werden prokopiert, aber in anderen Kontexten, nämlich im komplexen Silbenanlaut; s. oben.

2.2.2.5.1. Aphärese

Prokope von Vokal nach auslautendem Vokal:

engl. I'm.

Man kann annehmen, daß auch die vorgenannten Fälle von scheinbar spontaner Prokope in Kontexten motiviert waren, wo dem Wort ein vokalisch auslautendes Wort voranging.

2.2.3. Bei komplexem Silbennukleus

Ein komplexer Silbennukleus ist einer, der aus mehr als einem kurzen Vokal, also normalerweise aus einem Langvokal oder Diphthong besteht. Er kann durch die Kontraktion zweier benachbarter Vokale erst entstanden sein. Gleich wie er entstand, es gibt für beide Typen Reduktionsprozesse:

2.2.3.1. Monophthongierung

Der Diphthong wird monophthongiert, d.h. zu einem einfachen Segment zusammengezogen. Dies geschah mehrfach in der lateinischen Sprachgeschichte:

Kürzung: Der Langvokal wird (im Deutschen vor silbenschließendem Konsonant) gekürzt: mhd. V̅ → nhd. V̆ / _ K2 (brâchte → brachte)

2.2.3.2. Gleitlautinsertion

Wenn der Silbennukleus ein steigender Diphthong ist, kann die Silbenstruktur dadurch vereinfacht werden, daß zwischen die beiden Konstituenten des Diphthongen der der initialen Konstituente entsprechende Gleitlaut eingeschoben wird:

Lat. /sapiat/ > [ˈsapijat].

Die Insertion eines Gleitlauts (engl. glide insertion) in einen steigenden Diphthong ist in mancher Beziehung der Synärese entgegengesetzt.

2.2.4. An der Silbenkoda

Da die optimale Silbe offen ist, stellt eine geschlossene Silbe ein Problem dar, das desto größer ist, je mehr Konsonanten in der Koda stehen und je komplexer und weniger sonorant sie sind. Das Problem kann auf mehreren Ebenen und auf verschieden radikale Weise gelöst werden:

2.2.4.1. Verlust von Endkonsonanten (Apokope)

frz. petit garçon; altgr. ónoma_, élipon_; kölsch Hauptpostamt.

Deletion in komplexer Koda: du seufzt.

2.2.4.2. Reduktion von Konsonanten in der Silbenkoda

2.2.4.2.1. Reduktion auf Glottale

andalus. s → h / __ #

Yuk. l → h / __ #

Reduktion eines Okklusivs auf glottalen Okklusiv:

Yuk. k'áak'tik [k'á:ʔtik], k'ab [k'aʔ]

2.2.4.2.2. Halbvokalisierung

Der hier zu besprechende Prozeß ist gleichsam das syntagmatische Spiegelbild der am Silbenansatz stattfindenden Halbvokalisierung.

lat. caldo → frz. chaud, castello → frz. chateau, port. Brasil

2.2.4.2.2.1. Dekonstriktion von /r/

/r/ wird im deutschen Silbenreim geschwächt. Die Spezifikation der uvularen Artikulationsstelle folgt der obigen Tabelle.

1. Phase:

R7. [- vok]
[+ kons]
[+ kont]
[+ sth]
[+ hinten]
[- hoch]
[- kons] / __ K0 warte, zerrst, klirrt, Furt

(ʁ → ʁͅ im Silbenreim)

2. Phase

R8.[- vok]
[- kons]
[+ hinten]
[- hoch]
[+ vok]
[+ zentral]
/ [+ vok ]
[ + lang ]
___ wahrte, zehrst, kliert, fuhrt

(ʁͅ → ɐ nach Langvokal)

R8 setzt voraus, daß [ʁͅ] nur da vorkommt, wo es durch R7 eingeführt wurde, so daß der folgende Kontext nicht noch einmal spezifiziert werden muß. Über [rund] wird in dem Regelpaar nichts gesagt; also kommt keine Rundung dazu. Laut IPA-Tabelle erzeugt R8 das [ɜ]; für die etwas größere Öffnung des [ɐ] gibt es kein Merkmal.

Die Kontextbedingung wird in mehreren deutschen Dialekten, z.B. Ostwestfälisch, fallengelassen ([kuɐt], ['fiɐma]).

2.2.4.2.3. Degemination

Degemination einer Geminata ist deren Überführung in einen einfachen Konsonanten. Der Prozeß fällt tatsächlich unter Vereinfachung der Silbenkoda, da ja die erste Hälfte einer Geminata die vorangehende Silbe beschließt. Nach der Degemination liegt die Verschlußbildung in der Folgesilbe. Falls Geminaten bisegmental analysiert werden, ist Degemination ein Fall von Apokope.

Lateinische Geminaten werden im Französischen und Iberoromanischen vereinfacht: lat. cellula → frz. cellule.

Auch im Deutschen gibt es keine Doppelkonsonanten. Spätestens seit dem Westgermanischen werden sie vereinfacht, wo sie entstehen:

R12. Ki/ Ki___ reist, lädt, rät; reizt

(i ist ein Referenzindex):

2.2.4.2.4. Neutralisation von Oppositionen in der Coda
2.2.4.2.4.1. Auslautverhärtung

In mehreren Sprachen, darunter Deutsch, Niederländisch und Russisch, alternieren stimmhafte und stimmlose Obstruenten; so etwa in deutschen Wörtern vom Typ Tag – Tages ([taːk – ˈtaː•gəs]). Hier ist die erstere aus der letzteren Variante abzuleiten. Die Regel ist etwa die folgende:

R6. [ + obstr ][ - sth ]/ ___[+ obstr ]0 Rades - Rad - Rads;
redlich, löblich; Wildheit, folgsam
hebe - hebst - hebt;
Adler
aber nicht in: edle

In Prosa: Obstruenten werden in der Silbenkoda stimmlos. Die Regel wird rekursiv (oder iterativ) angewandt: In Wörtern wie hebst “vergewissert” sie sich im ersten Durchlauf, daß das [t] stimmlos ist; im zweiten Durchlauf tut sie dasselbe für [s], und im dritten macht sie das {b} stimmlos.

Die Regel wird auch produktiv auf Fremdwörter angewandt: Dialog, Club, beige, Marseille.

Auslautverhärtung fällt auch in die Kategorie von Abschnitt 1.1.

2.2.4.2. Epithese

Vokalepithese bei einem konsonantisch auslautenden Wort geht mit Resyllabierung, nämlich Einfügung einer zusätzlichen Silbengrenze vor dem ehemals auslautenden Konsonanten einher, so wie in folgenden Beispielen:

2.2.5. Übergang zwischen Koda und Ansatz

2.2.5.1. Epenthese

Epenthese ist die Einfügung eines Segments, normalerweise eines Konsonanten, in eine Gruppe. Dies geschieht i.a. zwischen einer konsonantisch auslautenden Silbe und dem Ansatz der Folgesilbe. Eine typische Konstellation ist K•L, wenn es nicht als •KL resyllabiert werden kann, wie in folgenden Beispielen:

altgr. anḗr – andrós, mélomai – mémbleton

Hendrick, tschech. Jindřich

russ. lubit' – lublju

Lat. emo – emptus, sumo – sumptus weisen ebenfalls Epenthese auf, aber unter offensichtlich anderen Bedingungen. Diese Art von Epenthese ist i.w. eine Folge der Koartikulation.

In ahnden (erst um 1800) gegenüber urspünglichem ahnen liegt anscheinend Epenthese zwecks Dissimilation vor.

2.2.5.2. Metathese

Metathese ist die Umstellung von Segmenten. In der hier zu betrachtenden Variante folgen die betroffenen Segmente – über eine Silbengrenze hinweg – unmittelbar aufeinander; es handelt sich also um Kontaktmetathese. In den folgenden Beispielen wird ein Halbvokal oder eine Liquida vor einen Nicht-Obstruenten gestellt, der in die Silbenkoda geraten ist.

Vulgärlat. capitulo > *capitlo > span. cabildo “Kapitel”.

gr. *mélanjamélaina, *mákharjamákhaira, *morjamoira

(Letztere Metathese heißt in der Gräzistik fälschlich auch Epenthese.) Zur Metathese s. im übrigen unten.

2.2.6. Vokalwandel unter Einfluß von Akzent

2.2.6.1. In syllaba tonica: Stärkung

Dehnung: dt. sagen, wegen

Diphthongierung: ital. buono, span. bueno, tengo vs. tiene

dt. mīnmein, hūsHaus

2.2.6.2. In syllaba atonica: Schwächung

2.2.6.2.1. Vokalschwächung und Reduktion des Paradigmas

Das Vokalsystem entfaltet sich am besten unter dem Wortakzent, während in unbetonten Silben Reduktionen und Neutralisierungen auftreten.

Im Englischen werden vokalische Oppositionen in unbetonten Silben reduziert: [ 'fo:wtəgɹæf] vs. [ fə'tɑ:gɹəfij].

Lat. capio vs. accipio.

Zentralisierung in unbetonter Silbe

Vgl. die Aussprache von Mestre, Michelangelo im Italienischen und Deutschen.

2.2.6.2.1.1. Reduktion des Vokalsystems im Russischen

Im Russischen besteht das vollständige Vokalfünfeck nur in betonten Silben.

Russisches Vokalsystem
betontunbetont; vorangehender Konsonant
schlichtpalatalisiert
i~ɨ   u
 e o 
  a  
ɨ   u
   ə~ʌ 
     
i   u
     
     

[ɨ] und [i] stehen nicht in Opposition, da [i] nur nach palatalisierten, [ɨ] nur nach schlichten (velarisierten) Konsonanten vorkommt.

In unbetonten Silben wird das Fünfeck reduziert: /o/ und /a/ fallen in [ə] bzw. in prätonischer Silbe in [ʌ] zusammen: golová, magazín -> [gəlʌ'va, məgʌ'zin]. Nach palatalisierten Konsonanten werden /a e o/ alle zu [ɩ] (íkan'e): mestá "Stellen" -> [mjɩs'ta], časý "Stunden" -> [čɩ'sɨ].

2.2.6.2.2. Synkope

Synkope ist die Tilgung des Vokals einer Silbe, die typischerweise stattfindet, wenn der Akzent auf deren Nachbarsilbe liegt.

Synkope in den romanischen Sprachen
Klass. LateinGem.rom.Ital.Span.Franz.Deutsch
auriculaoriclaorecchioorejaoreilleOhr
calidocaldocaldo(caliente)chaudwarm
cerebellocerbellocervello(cérebro)cerveauGehirn
comitecontecontecondeconteGraf
dominadonnadonnadoña(dame)Herrin
frigidofrigdofreddofríofroidkalt
mīrāculo miraclomiracolomilagromiracleWunder
oculoocloocchioojooeilAuge
populopop(o)lopopolopueblopeupleVolk
positopostopostopuestopostegestellt; Posten
speculospeclospecchioespejo-Spiegel
vetuloveclovecchioviejovieuxalt
virideverdeverdeverdeverdgrün


Lateinische Nomina sind im Ablativ zitiert.

Lat. bonitate → ital. bontà. Zur Vertiefung: Synkope im Iberoromanischen.

Synkope von Schwa im Deutschen

Synkope ist wortartensensitiv; s. Heidolph et al. 1981:924. Die folgende Regel gilt nur für Verbstämme.

R10. ə/ [ + vokal ]
[ - betont ]
[ + vokal ]
[ + kons ]
___ n wandeln, wandern

Darüber hinaus ist R10 umgangssprachlich optional, wenn der vorangehende Vokal betont ist, wie in verloren, holen.

R11. ə/ ___ [+ sonorant ] [ + vokal ] Wandler, Radler, Gärtner, ebne, atme;
Wand(e)rer, schaud(e)re, Zaub(e)rer, rad(e)le
Bedingung: optional in den Fällen der zweiten Zeile

Wörter auf -er-el gibt's im Hochdeutschen nicht.

Synkope ist das reversive Gegenteil von Anaptyxe, denn sie tilgt einen Vokal im selben Kontext, in dem Anaptyxe ihn einfügt. Wenn man nur eine synchrone Alternation vom Typ weigre ~ weigere ohne historische Evidenz hat, kann man nicht wissen, ob die erste Form aus der zweiten durch Synkope oder die letztere aus ersterer durch Anaptyxe entstanden ist. Manchmal kommen auch Synkope und Anaptyxe im selben Wort vor. So ist aus dem agr. Herakles das lat. Hercules durch Synkope des a und Anaptyxe des u entstanden.

2.3. Metathese

Metathese ist die Permutation von Segmenten im phonologischen Wort. Liquiden sind überdurchschnittlich häufig betroffen.

2.3.1. Kontaktmetathese

Kontaktmetathese
SpracheL VRichtung SpracheV LBedeutung
span.preguntarport. perguntarfragen
port.prejudicar span.perjudicarschaden
russ.vratslav. vort-drehen
russ.vlăkslav. velk-
germ.hrosengl. horseRoß

Der slavische Fall ist regelmäßig ("Liquidenmetathese").

2.3.2. Fernmetathese

Metathese im Iberoromanischen
OriginalZielBedeutung
SpracheBeispielSpracheBeispiel
lat.periculoGefahr
ital.
frz.
port.
pericolo
péril
perigo
altspan.periglospan.peligro
lat.
ital.
frz.
miraculo
miracolo
miracle
port. milagreWunder
altspan.miraglospan.milagro
lat.parabolaWort
altspan.parablaspan.palabra
?Algeriaspan.ArgeliaAlgerien

1 Lateinische Nomina werden i.a. im Ablativ angegeben, weil der von allen Kasus der urromanischen Form am ähnlichsten ist.

2 Das wäre im Sinne von Theorien der Jahrtausendwende, wo die Veränderungen lexikalischer Repräsentationen eine notwendige Folge von Beschränkungen über zulässige phonetische Repräsentationen sind.

3 Im Zusammenhang mit Assimilation werden die Termini ‘regressiv’ und ‘progressiv’ oft verwechselt. Die Benennung “zurückgehend” vs. “vorwärtsgehend” bezieht sich auf die Bewegung des wirkenden, übertragenen Merkmals.

4 "correlaciones que funcionan como significativas y diferenciales en la tension silabica, cesan en la distension, donde o no existen materialmente, o si existen, dejan de ser intencionales y pierden por eso su validez." (Alonso 1945:94)

5 So werden im Englischen Konsonanten vor [u] palatalisiert, wie in Tuesday und refuse. Im Altfranzösischen wurde lat. /k/ zu /ʃ/ in Wörtern wie chaud (< vulgärlat. caldo) “kalt”.