Eine semantische Karte (engl. semantic map) oder kognitive Karte (engl. cognitive map) ist eine räumliche Darstellung des Bedeutungsumfangs und der Bedeutungsverwandtschaft sprachlicher Zeichen in einem semantischen Bereich. Die Karte ist meist zweidimensional, gelegentlich auch ein- oder mehrdimensional. Sie ist durch universale Konzepte strukturiert. Teile des so aufgespannten begrifflichen (oder kognitiven) Raumes (engl. conceptual space) werden durch sprachliche Zeichen besetzt, deren Significatum den betreffenden Konzepten entspricht.

Ausschnitt des Lexikons im Sprachvergleich

Die folgende semantische Karte illustriert, wie der begriffliche Raum, der im Deutschen durch Baum – Holz – Wald umrissen ist, in vier Sprachen aufgeteilt ist (Hjelmslev 1963:53 ap. Haspelmath 2003:237f). Der semantische Raum ist in diesem Falle eindimensional. Die Konzepte sind daher auf einer Linie (in englischer Sprache) arrangiert.

Semantische Karte “Wald – Holz” (Haspelmath 2003:237)
concept
language   ╲
treewood (stuff)firewoodsmall forestlarge forest
Spanishárbol madera lea bosque selva
French arbre bois forêt
German Baum Holz Wald
Danish trae skov

Die vier Beispielsprachen teilen den konzeptuellen Raum verschieden auf, geben also insofern Evidenz für den strukturalistischen Grundsatz, daß das Significatum eines Sprachzeichens etwas der betreffenden Sprache Eigenes ist, wozu man in anderen Sprachen normalerweise keine genaue Entsprechung erwarten kann. Gleichzeitig zeigt die Darstellung, daß die Significata verschiedener Sprachen auf derselben Menge von Elementen beruhen können.

Die Substantive der Beispielsprachen sind in verschiedenem Maße polysem. Am relativ eindeutigsten sind die spanischen Termini; am relativ vieldeutigsten ist dänisch trae (noch mehr Konzepte deckt engl. wood ab). Dadurch, daß die Wörter entlang einem universalen begrifflichen Maßstab angeordnet sind, werden ihre Bedeutungen und insbesondere die jeweiligen Polysemien vergleichbar. (Die spezifische Ratio dieses Maßstabs ist freilich nicht explizit; s. dazu unten den letzten Absatz.)

Über der Karte waltet folgendes Prinzip: Wenn ein Significatum die beiden Position Pi und Pj auf der semantischen Karte umfaßt, so umfaßt es auch alle dazwischenliegenden Positionen. Ma.W., es gibt keine auf der Karte diskontinuierlichen Significata. Dazu gibt es auch eine diachrone Interpretation: Wenn ein Significatum, das sich in einem Sprachstadium bis zu einer bestimmten Position Pi auf der semantischen Karte erstreckt, sich in einem späteren Sprachstadium auf weitere Positionen Pj erstreckt, so muß es zunächst die dazwischenliegenden Positionen einschließen, d.h. kann diese im semantischen Wandel nicht überspringen.

Partizipantenfunktion des Indirectus

Der Indirectus ist eine Makrorolle, unter die mehrere spezifische semanto-syntaktische Funktionen fallen. In der folgenden Tabelle sind einige davon mit deutschen Beispielen illustriert. Der Ausdruck in der Indirectus-Funktion ist jeweils unterstrichen.

Funktion Beispiel
Allativ Erna wanderte zur Burg.
Absicht Erna studierte zum Zeitvertreib.
Possessor in Zugehörigkeitsprädikation Das Buch ist mir.
Rezipient Erna schickte mir das Buch.
Experiens Mir ist kalt.
externer Possessor Erna trat mir auf den Fuß.
Benefiziär Erna kaufte mir ein Fahrrad.
Dativus judicantis Das ist mir zu teuer.

Wie man sieht, verwendet Deutsch in dieser Serie zwei verschiedene grammatische Mittel, nämlich die Präposition zu und den bloßen Dativ.

Das folgende Schaubild stellt den konzeptuellen Raum dar, der von den einzelnen Indirectus-Funktionen gebildet wird (die folgenden Schaubilder sind aus Haspelmath 2003 entnommen).

konzeptueller Raum der Indirectus-Funktionen

Hier sieht man z.B., daß der Rezipient sich minimal von vier anderen Funktionen unterscheidet, während die Absicht nur einer anderen Indirectus-Funktion unmittelbar benachbart ist. Die Pfeile deuten an, in welche Richtung sich ein Significatum diachron verändern (i.a. ausweiten) kann. So wird also z.B. eine Präposition, welche zunächst bloß den Allativ bezeichnet, sekundär auch für den Rezipienten verwendet, nicht aber umgekehrt. Dieser konzeptuelle Raum wird nicht aus einer Theorie deduziert, sondern, wie unten erläutert, durch Sprachvergleich empirisch-induktiv festgestellt.

In diesen Raum tragen wir nun als erstes die englische Präposition to ein.1 Die folgende semantische Karte stellt dar, welche der Indirectus-Funktionen diese Präposition erfüllt.

semantische Landkarte von engl. «to»

Ebenso kann man von dem französischen Gegenstück, nämlich à, eine semantische Karte erstellen. In der folgenden Karte ist gleichzeitig der französische Dativ eingetragen, der nur an klitischen Personalpronomina (me “mir”, te “dir” usw.) auftritt. (Es handelt sich also um die beiden französischen Strukturmittel, welche den in der obigen Tabelle verwendeten deutschen entsprechen.)

Hier ist anschaulich zu sehen, daß der Dativ dieser Pronomina einem Präpositionalsyntagma mit à nur in den Funktionen des Rezipienten und des Experiens äquivalent ist. Für den Possessor bei Zugehörigkeitsprädikation geht nur à (z.B. ce livre est à moi “das Buch ist mir”); für den Benefiziär geht nur der Dativ (elle m'a acheté un livre “sie hat mir ein Buch gekauft”).

Gleichzeitig bezeichnen die Pfeile die historische Entwicklung dieser Gebräuche der Präposition à. Als sie noch lat. ad war, markierte sie bloß den Allativ. Dann kam der Rezipient dazu; und von dieser Verwendung aus entwickelten sich einerseits die Markierung des Experiens, andererseits die des Possessors in der Zugehörigkeitsprädikation.

Darüber hinaus kann man nun engl. to mit frz. à vergleichen und stellt auf diese Weise fest, daß sie in mehreren Rollen übersetzungsäquivalent sind, aber daß man z.B. den Possessor in der Zugehörigkeitsprädikation zwar mit à, nicht jedoch mit to markieren kann, und daß man umgekehrt die Absicht zwar mit to, aber nicht mit à markieren kann.

Methodik der semantischen Karten

Eine semantische Karte wird wie folgt aufgestellt:

  1. Man beginnt vorläufig mit einem Begriff, einem begrifflichen Feld oder einer grammatischen Funktion.
  2. Man sammelt in jeder Sprache die Zeichen – Wörter oder Morpheme –, die mit ihren Significata bzw. Funktionen auf den Begriff bezogen sind bzw. in das Feld fallen, und macht von jedem eine semasiologische Analyse. Diese macht man explizit in Form von elementaren Konzepten, die das Significatum des Zeichens abdeckt.
  3. Man standardisiert diese Konzepte auf universaler Ebene und arrangiert sie im konzeptuellen Raum nach Ähnlichkeit.
  4. Man rearrangiert die Konzepte im Raum so lange, bis die resultierende Struktur es erlaubt, die Sprachzeichen derart in den Raum einzutragen, daß ein jedes mit seinem Significatum ein zusammenhängendes Segment des Raums besetzt.
  5. Sodann repräsentiert die semantische Karte mit ihrer Struktur einen universalen begrifflichen Raum, und die Besetzung durch die Zeichen einer Sprache gibt die einzelsprachliche Formung dieser universalen Substanz in Form einer semantischen Karte wieder. Damit kann man eine synchrone Analyse darstellen.
  6. Nunmehr dynamisiert man die Zusammenhänge zwischen den Konzepten wie folgt: Man sucht Evidenz für die semasiologischen Wandel, welche zu der beobachteten Polysemie geführt haben, und trägt die Richtung des Wandels als Pfeil, der zwei Konzepte verbindet, in die Karte ein.
  7. Sodann repräsentiert die semantische Karte universale konzeptuelle Operationen, die den Übergang von einem Konzept zum benachbarten gestatten. Jetzt kann sie auch eine diachrone Analyse darstellen.

Methodisch leitend ist hier die Polysemie der sprachlichen Ausdrücke. Sie wird als Indiz für semantischen Zusammenhang genommen. In diesem Punkte unterscheiden sich semantische Karten grundsätzlich von Wortfeldern, denn diese sind onomasiologisch – im klarsten Falle durch ein Archilexem – fundiert, und Bedeutungen von Mitgliedern des Wortfeldes, die nicht unter den festgesetzten Oberbegriff fallen, werden nicht analysiert. Bei der semantischen Karte ist es genau umgekehrt: jeder Sinn eines polysemen Zeichens bereichert die semantische Karte.

Natürlich kann es passieren, daß man kein Arrangement der Konzepte findet, das es gestattet, die Zeichen aller Sprachen als zusammenhängende Abschnitte des Raums einzutragen (#4); und ebenso kann es passieren, daß die diachronen Pfeile für die verschiedenen Sprachen (#6) in verschiedene Richtungen laufen. Das besagt entweder, daß man keine gute Analyse gemacht hat oder daß die Konzepte in diesem Bereich nicht in einheitlicher Weise universal strukturiert sind.

Die semantische Karte eignet sich, um Bedeutungseigenschaften, insbesondere Ausmaß, Art und Richtung der Polysemie, von Zeichen einer Sprache auf dem Hintergrund eines Tertium comparationis anschaulich darzustellen und mit entsprechenden Eigenschaften anderer Sprachen zu vergleichen. Sie ist aber nicht in einem theoretischen Sinne explizit. Sie erübrigt also nicht eine Merkmalsanalyse der universalen Konzepte und der einzelsprachlichen Significata. Nur eine solche kann beschreiben, worin genau zwei Konzepte oder Significata einander ähnlich sind und worin sie sich unterscheiden.

Literatur

Haspelmath, Martin 2003, „The geometry of grammatical meaning: semantic maps and cross-linguistic comparison.“ Tomasello, Michael (ed.), The new psychology of language. Cognitive and functional approaches to language structure. Hillsdale, NJ: L. Erlbaum; 2: 211-242.

Narrog, Heiko & van der Auwera, Johan 2011, "Grammaticalization and semantic maps." Narrog, Heiko & Heine, Bernd (eds.), The Oxford handbook of grammaticalization. Oxford etc.: Oxford University Press (Oxford Handbooks in Linguistics); 318-327.


1 Anstatt die einzelsprachlichen Ausdrücke in die Karte einzutragen wie oben gezeigt, kann man sie auch in eine separate Tabelle eintragen, für die die bezeichneten Konzepte die Kriterien abgeben. Dann nutzt man freilich den Anschauungswert der semantischen Karte nicht.