Einleitung1

Wenn man auf dem Internet nach ‘Manipulation durch Sprache’ sucht, findet man zuerst Bücher dieses Titels, die dem Leser beibringen wollen, wie man andere durch Sprache (oder eher durch Rede; s. im folgenden) manipuliert. Die Mehrzahl dieser Publikationen ist dem Bereich Managercoaching zuzuordnen. Ich befinde mich von Berufs wegen auf der Gegenseite: Ich diagnostiziere Fälle von Manipulation durch Sprache, analysiere sie und stelle fest, wie sie funktionieren. Andere können diese Analysen nutzen, um Manipulation durch Sprache zu erkennen und sich davor zu schützen.

Es ist eingangs ein Unterschied zu machen zwischen Manipulation durch Rede und Manipulation durch Sprache. Damit ist folgendes gemeint: Man kann andere Menschen auf vielfältige Weise manipulieren, z.B. indem man ihnen ein Geschenk macht oder vor ihnen kokett die Hüften schwenkt. Eine wichtige Form der Manipulation ist die Manipulation durch Rede, also dadurch, daß man zu den anderen spricht. Ein relativ triviales Beispiel dafür ist die Lüge oder ein Versprechen, dessen Zweck es ist, den anderen zu einer Leistung zu bewegen. In solchen Fällen kann die Sprache selbst unverändert gelassen werden. Die Manipulation besteht hier nicht darin, daß die Sprache anders verwendet wird, als ihr in der Sprachgemeinschaft etabliertes System vorsieht; sondern sie besteht darin, daß man durch Rede in dem anderen Vorstellungen und Intentionen zu bestimmten eigenen Zwecken erweckt. Dies ist aber alltäglicher Gebrauch von Sprache und insoweit noch nichts, was eine eigene linguistische Analyse erforderte. Damit befassen sich Psychologie, Soziologie und eben Kompetenzvermittlung ("social engineering") für Manager und Versicherungsvertreter.

Anders liegt der Fall, wenn man Ausdrücke des Sprachsystems anders verwendet, als es bisher in der Gemeinschaft etabliert ist, wenn man bestehende Ausdrücke umdeutet oder für bekannte Gegenstände neue Ausdrücke einführt, die andere Assoziationen wecken sollen. Wenn man z.B. den jahrzehntealten Fahrschein Fahrausweis nennt, will man ihn offenbar in den Status eines amtlichen Dokuments erheben, so daß derjenige, der ihn nicht vorweisen kann, sich illegal verhält. In solchen Fällen ändert man die Sprache zum Zwecke der Manipulation; und das soll Manipulation durch Sprache heißen.

Manipulationen durch Sprache lassen sich auf verschiedene Arten klassifizieren:

  1. nach dem sozial-interaktiven Zweck, den sie verfolgen
  2. nach dem lebenspraktischen Bereich, in dem sie angewandt werden.
  3. nach den sprachlichen Mitteln, die eingesetzt werden.

Hier soll das erstgenannte Kriterium den obersten Einteilungsgrund abgeben; die anderen beiden Kriterien werden nachrangig berücksichtigt. Die Präsentation folgt einer Steigerung von eher harmlosen zu eklatanteren Fällen von Manipulation.

Sprachbombast

Das Ziel, der eigenen Nachricht und somit mittelbar sich selbst mehr Bedeutung zu verleihen, verfolgt bis zu einem gewissen Grade jeder Sprecher. Es nicht zu verfolgen hieße, zu schweigen. Ein relativ harmloses Mittel der Manipulation durch Sprache mit diesem Ziel ist der bombastische Ausdruck, der Sprachdampf.

Am wenigsten tendentiös in diesem Bereich ist es noch, wenn man lediglich geschraubte Ausdrücke für das Besprochene verwendet, also ohne unmittelbaren Bezug zu sich selbst oder zur Kommunikationssituation. Hier sind ein paar Beispiele aus dem Italienischen.

.... se le statue fossero esposte agli agenti atmosferici ... (Museo Archeologico di Reggio Calabria, 2007)
Ital“wenn die Statuen den atmosphärischen Agenten [d.h. der Witterung] ausgesetzt würden”
.L'approdo su Stromboli verrà effettuato solo in condizioni vulcaniche che lo consentano. (Escursioni Giavi 2007)
Ital“Die Landung in Stromboli wird durchgeführt werden nur unter vulkanischen Bedingungen, die es gestatten.” [d.h., am Stromboli landen wir nur, wenn er nicht gerade ausbricht.]

Dies ist im Prinzip eine harmlose Form der Angeberei. In einem bestimmten Bereich hat sie allerdings bereits zu einer regelhaften Änderung im italienischen Lexikon geführt: Seit Ende des 20. Jh. gibt es eine Tendenz, die Ableitung auf -logia anstelle ihrer Basis zu verwenden. So ist es mittlerweile ganz üblich, tipologia “Typologie” statt tipo “Typ” zu sagen. Z.B. wird auf der Webseite eines Hotels, wo die Zimmer vorgestellt werden, folgendes geboten:

.Camere:
Tipologie: camere matrimoniali, camere triple, bilocali. (http://www.hotelrivierableu.it/)
ItalZimmer:
Typologien [d.h. Arten]: Doppelzimmer, Dreibettzimmer, Zweizimmerappartement”

In einem Formular der Università degli Studi Roma III, das ein auswärtiger Vertragsnehmer auszufüllen hat, gibt es folgende Rubrik:

.Natura dell'incarico
“Art des Auftrags”
a.collaborazione occasionale
“gelegentliche Zusammenarbeit”
b.incarico professionale
“beruflicher Auftrag”
c.altre tipologie di incarico
“andere Typologien [d.h. Arten] von Auftrag”

Es handelt sich aber, wie gesagt, nicht um tipo - tipologia als einen Einzelfall. Hier sind andere Beispiele:

.l'idea generica di sintagma ... finisce per oscurare una ricca fenomenologia (linguistischer Aufsatz 2006)
“die allgemeine Idee des Syntagmas verschleiert letztendlich eine reichhaltige Phänomenologie [d.h. verschiedene Phänomene]”

Ein Bericht des Dipartimento di Linguistica di Roma Tre (Juli 2007) spricht von den Sprachen,

.a cui applica le metodologie della linguistica moderna più aggiornata
“auf welche es die Methodologien [d.h. die Methoden] der aktuellsten modernen Linguistik anwendet”

Den Vogel schießt eine Pisaner Konditorei ab. Sie leitet von der Ableitung auf -logia wiederum ein Adjektiv auf -logico ab und kombiniert dieses als Attribut mit einem Hyperonym. Auf diese Weise bringt sie gleich auch noch das beliebte prodotto “Produkt” unter, auf das ich unten komme.

.Questo stabilimento dispone di un elenco degli ingredienti dei prodotti merceologici. (Pasticceria Salza, Pisa, 2011)
“Dieses Établissement verfügt über eine Liste der Zutaten seiner warenkundlichen Produkte [d.h. Waren].”

Eine ähnliche Scheinabstraktion wie die Komponente -logia leistet -istica. So figuriert auf der Website der Università Roma III, Area Affari Generali, eine modulistica, was nicht eine Modullehre ist, sondern die Liste der Module.

Es ist zu bemerken, daß diese Überhöhung der Bedeutung des besprochenen Gegenstandes in einem Gegenstand in der Sphäre des Sprechers gilt, diesen also mittelbar aufwertet. Insofern handelt es sich nicht lediglich um naive Schaumschlägerei, sondern durchaus um Manipulation.

Die Beispielserie sollte nicht das Mißverständnis veranlassen, daß die Vorliebe für volltönende Wörter eine italienische Spezialität wäre. Auch im Deutschen dienen abstrakte Substantive nicht dem Ausdruck abstrakter Begriffe, sondern dem Blähstil:

.Ein eigener Autorenbereich mit weiteren Funktionalitäten [Funktionen] ist in Vorbereitung. (W. de Gruyter 08.11.2008)
.Ihr professioneller Partner für die Inverlagnahme [das Verlegen] Ihrer wissenschaftlichen Veröffentlichung (Cuvillier-Verlag 01.12.2008)
.Zu diesem Zweck wird LANQUA (Language Network for Quality Assurance) ein Referenzdokument, mehrere relevante Fallstudien und Empfehlungen darüber vorlegen, wie die Gewährleistung der Qualität auf institutioneller, nationaler und europäischer Ebene sichergestellt und verbessert werden kann.
(Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur, Compendium 2007:111)
[d.h., wie immer bessere Qualität auf institutioneller, nationaler und europäischer Ebene gewährleistet werden kann.]

Solcher Sprachdampf fällt durchaus nicht nur Linguisten auf. Der folgende Passus enstammt einer Zeitschrift, die ihrerseits den Satz zitiert, um den es hier geht:

.Die Behörde drückt sich vage aus: "Entsprechende Überlegungen sind derzeit Gegenstand von Konzeptionen der Bedarfsträger." (c't 20,2007:88)
[d.h. die Bedarfsträger denken noch darüber nach]

(Bedarfsträger ist übrigens ein juristischer Terminus technicus für eine Behörde, die eine öffentliche Leistung braucht.)

Und auch im Spanischen gibt es die Höherschraubung mit dem Suffixoid -logía. ist eine ansprechende Variante zu ,

.la visita saldrá siempre independientemente de la climatología (Visitas guiadas, León, 2018)
Span“die Besichtigung findet immer statt unabhängig von der Klimatologie [d.h. vom Wetter]”

Aufwertung des Sprechers

Aufwertung von Referenten in der Sphäre des Sprechers

Der Sender einer Nachricht kann sich selbst, seine Institution, sein Verhalten oder seine Erzeugnisse aufwerten wollen. Seit die Deutsche Bundesbahn als Deutsche Bahn privatisiert wurde, fand viel Modernisierung auf sprachlichem Gebiet statt, die in diese Rubrik fällt. Hier sind ein paar Beispiele:

Neuwörter der Deutschen Bahn
alt neu
Bahnhofsdirektion Bahnhofsmanagement (2004)
Schaffner Kundenbetreuer (2004), Zugmanager (2007), Zugbegleiter (2011)
Lokomotivführer Triebfahrzeugführer (2004)
Toilette WC-Center (2004)
Behinderte mobilitätseingeschränkte Menschen

In einigen Fällen geht es offenbar darum, Berufsbilder aufzuwerten. Die letzten beiden Beispiele zeigen, daß unser Thema sich eng mit einem benachbarten Thema berührt, nämlich dem Spannungsfeld von Tabu und Euphemismus. Dieses Thema blende ich hier aus. Der Euphemismus scheint nicht in erster Linie der Manipulation zu dienen, sondern der Verhinderung von Nachteilen. Auch diese beiden Ziele sind selbstverständlich benachbart; und die Beispiele zeigen, wie nahe Sprachbombast und Euphemismus beieinander liegen. Man kann ja durchaus der Auffassung sein, daß das Wort Toilette (noch) nicht tabu ist; aber WC-Center macht jedenfalls aus einer übelriechenden Kellerlatrine einen zentralen Ort der Fürsorge mit Wasserspülung.

Im Hotelgewerbe spielt Aufbauschung womöglich eine noch größere Rolle als anderswo. Seit Ende des 20. Jh. heißen Hotels auf Englisch resort, wörtlich “Erholungsort, Sommerfrische”, und Appartements residence, wörtl. “Residenz”. Und dies wurde natürlich sofort in andere europäische Sprachen übernommen (wobei auf Deutsch durchaus nicht jedem klar ist, wie man Resort eigentlich aussprechen soll).

In einem Elektrogramm eines Internetreisebüros heißt es:

.Eine Nachricht mit Ihren Reservierungsdaten wurde an die Unterkunftsstruktur Tirreno versandt. (Venere.com vom 26.09.2006)

Gemeint ist ein schlichtes Hotel. Es handelt sich offenbar um eine mißlungene Übersetzung des Italienischen struttura ricettiva, das am ehesten “Beherbungsbetrieb” bedeutet. Auch hier geht es offenbar darum, hohe Werte auf seiten des Sprechers vorzuspiegeln.

Eine Aufwertung dessen, was dem Sprecher wichtig ist, liegt auch vor, wenn die städtische Abfallentsorgung die Mülleimer seit 1999 Wertstoffbehälter nennt. Gleichzeitig ist hier die pädagogische Absicht unverkennbar.

Bei der Deutschen Post hießen billige Massensendungen bis 2015 einigermaßen neutral Infopost. Ab 2016 wurden die Versandbedingungen verschlechtert, die Preise erhöht und das Verfahren in “Dialogpost” umbenannt. Mit Dialog hat eine Werbesendung absolut nichts zu tun; es ist ein Fall von bewusster Irreführung der Betroffenen.

Der Prospekt eines Versandhauses beginnt mit dem “Aufmacher”:

.Ihr Gratis-Geschenk (Eurotops, 2006)

Hier öffnet sich das weite Feld des Pleonasmus als einer seit der Antike bekannten rhetorischen Strategie, dem Gesagten mehr Emphase zu verleihen dadurch, daß man es doppelt sagt.

Ein probates Mittel, sich selbst aufzuwerten, ist die Lüge. Während diese gemäß dem eingangs Gesagten hier nicht behandelt wird, verfolgt die hier einschlägige Vergabe eines irreführenden Namens dieselbe Absicht. Seit langem bekannt ist der Fall des Flughafens “Frankfurt-Hahn”. Gemäß seiner geographischen Lage müßte er Flughafen Hahn oder Flughafen Lautzenhausen heißen. Er bekam seinen Namen offensichtlich in der Absicht, Nähe zu Frankfurt vorzuspiegeln. Die Entfernung beträgt 112 km, Fahrtzeit 1 ¼ Stunde.

Ein jüngerer Fall ist der des Flughafens “Erfurt-Weimar”. Der Flughafen Erfurt schwächelte seit seiner Eröffnung. 2011 wurde er in Flughafen Erfurt-Weimar umbenannt. Die Absicht war offensichtlich, das Fluggastaufkommen zu steigern, auf der Basis der Annahme, daß mehr Menschen nach Weimar als nach Erfurt fliegen wollen. Tatsache ist, daß der Flughafen auf der Weimar präzise gegenüberliegenden Seite von Erfurt liegt. Es gibt nach dem mindestens 30 km (per Autobahn 43 km) entfernten Weimar nicht einmal einen Zubringer. [Und wiewohl gegenüber dem darauf folgenden weiteren Niedergang des Flughafens keine Schadenfreude angebracht ist, ist es doch tröstlich zu sehen, daß offenbar niemand auf den Manipulationsversuch hereingefallen ist.]

Beschönigung eigener Defizienz

Unternehmen, die Beiträge einnehmen, haben das Wort Beitragserhöhung gar nicht im Wortschatz; es ist durch Beitragsanpassung ersetzt. Der Sinn dieses letzteren Worts wird dabei allerdings verändert. Denn gelegentlich muß ein Unternehmen die Preise auch einmal senken. Das ist dann wirklich eine Anpassung an die Marktentwicklung. Dieser Vorgang jedoch heißt nie Preisanpassung, sondern jedenfalls Preissenkung (so in einem Rundschreiben der Stadtwerke Erfurt vom 12.03.2009).

Eine Alternative zur Preisanpassung bietet die Preiskorrektur:

.Die Ausbeute war extrem klein. Für Sie als Verbraucher bedeutet dies, dass es im kommenden Jahr zu Preiskorrekturen kommen wird. (Winzergenossenschaft Oberbergen, Nov. 2010)

(wo allerdings, wie man sieht, im übrigen kein großer Stilist am Werke war). Daß Korrektur genau und ausschließlich Anhebung bedeutet, sieht man an folgendem Passus desselben Autors:

.Nach der ... Ernte 2010 war es unumgänglich, einige Preise leicht zu korrigieren. Dies trifft vor allem für die Weißweine zu. Bei den ... Rotweinen allerdings konnten wir ... die Preise unverändert lassen, bei den Rotwein-Cuvées ... sogar leicht senken. (Winzergenossenschaft Oberbergen März 2011)

Die Kehrseite der Preiserhöhung ist die Senkung der Produktqualität. Auch dafür gibt es eine sprachliche Lösung. Das folgende ist wieder ein Zitat aus einer Zeitschrift, die die Manipulation durch Sprache bemerkt hat.

.Die meisten Hersteller legen ihren Geräten [Tintenstrahldruckern] nur wenig befüllte Patronen bei, die etwas euphemistisch ‘Normalpatronen’ heißen. Will man richtig betankte Behälter, muss man schon die wesentlich teureren ‘XL-Patronen’ (nach)kaufen. (c't 21, 2010:111)

Einbeziehung des Hörers

Ideologie - Einführung neuer Denke

Gelegentlich benennen Institutionen oder Kompanien vertraute Gegenstände um, damit der Benutzer eine neue Einstellung zu ihnen annimmt. Zwei klare Beispiele wurden schon genannt: Die Deutsche Bundesbahn versuchte Ende des 20. Jh., den Fahrschein bzw. die Fahrkarte in Fahrausweis umzubenennen, offensichtlich, um das Schwarzfahren einzudämmen. Sie hat das mittlerweile wieder aufgegeben, denn in der Tat ist eine Fahrkarte in keinem juristisch haltbaren Sinne, und schon gar nicht in der Umgangssprache, ein Ausweis. Und die Stadtwerke haben die Mülltonne in Wertstoffbehälter umbenannt, vermutlich, um die Leute zur Mülltrennung anzuhalten.

Produkt statt Dienstleistung

Ein ebenfalls deutlicher und weite Kreise ziehender Fall von ideologischer Manipulation ist der folgende: Seit den 1970er Jahren greift eine Tendenz um sich, alles, was eine Einrichtung oder ein Unternehmen macht, ihr ‘Produkt’ zu nennen. Z.B. bietet die Deutsche Bahn, z.B. auf der Internetseite zur Reiseauskunft, Produkte an. Das sind scheinbar sogar Züge, z.B. der ICE 9559. In Wahrheit produziert die Deutsche Bahn aber keine Züge, und man soll auch gar nicht den Zug kaufen, sondern die Beförderung damit. Diese jedoch ist kein Produkt, sondern eine Dienstleistung. Ebenso heißen die Flüge der TAP auf ihrer Website (2009) ihre Produkte.

Entsprechendes gilt für das Finanzgewerbe, das immer noch zum Dienstleistungssektor gehört. Nach dem Selbstverständnis der Geldinstitute und ähnlicher Handelsunternehmen ist das aber offenbar nicht mehr so:

.haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, unsere Produkte kontinuierlich für sie zu optimieren. (Rundschreiben der ING-DiBa vom 31.08.07)

In Wahrheit produziert die Bank natürlich absolut nichts. (Nicht einmal Geld darf sie von Gesetzes wegen produzieren.)

Auch die von Hochschulen angebotenen Studiengänge fangen an, ihre Produkte zu heißen. Die Hochschulen hatten sich gerade damit angefreundet, Dienstleistungsbetriebe zu sein. Nun jedoch sind sie Produktionsstätten. Sie produzieren freilich nur Studiengänge. Und die produzieren sie ironischerweise wirklich, beim andauernden Reformeifer der Ministerien durchschnittlich alle fünf Jahre einen neuen.

Spätestens wenn Produkt “Hotel” bedeutet, wie in folgendem Zitat, ist es zum Allerweltswort geworden.

.Selecione abaixo o produto que deseja visitar (Website der Hotelkette Iberostar, 01.09.2009)
Port“Wählen Sie unten das Produkt [Hotel], das Sie besuchen möchten”

Als allgemeiner Oberbegriff dient auch prodotto in dem oben zitierten Ausdruck prodotto merceologico “warenkundliches Produkt” anstatt von merce “Ware”.

Der Hintergrund dieses semantischen Wandels dürfte darin liegen, daß Politik und Wirtschaft seit dem 2. Weltkrieg bedingungslos das produzierende gegenüber dem dienstleistenden Gewerbe vorzogen, so daß nur derjenige Anerkennung erhoffen konnte, der ein Produkt vorweisen konnte. Auch hier geht es also darum, das eigene Prestige bzw. das Prestige dessen, woraus man Geld schlagen möchte, durch Verwendung von Wörtern, die eigentlich etwas prestigeträchtiges Anderes bezeichnen, zu erhöhen.

Verschleierung von Machtverhältnissen

Das Gegenstück zur eigenen Aufwertung ist das Herunterspielen der eigenen Machtposition und der für den Kommunikationspartner damit verbundenen Nachteile. Die jüngste Errungenschaft (etwa seit 2005) dieser Art von Manipulation ist die Benutzung des Verbs “einladen” in neuer Bedeutung:

.This is the last call for flight AF 704 to Mexico City. You are invited to present yourself immediately at gate number 25. (Flughafen Charles de Gaulle, Paris, 23.11.08)
Frz“Dies ist der letzte Aufruf für Flug AF 704 nach Mexiko-Stadt. Sie sind eingeladen [d.h. aufgefordert], sich umgehend am Flugsteig Nr. 25 einzufinden.”

Anscheinend soll dem Angesprochenen Gelegenheit gegeben werden, sein Gesicht zu wahren.

Denselben Bedeutungswandel hat jüngst das französische Übersetzungsäquivalent inviter durchgemacht. Am Eingang des Centre Pompidou in Paris wird eine Laufschrift gezeigt, die, wenn die gemeinte Information aufrichtig formuliert wäre, lauten müsste: “Wir muten Ihnen zu, anderthalb Stunden vor dem Eingang Schlange zu stehen.” Der Wortlaut ist allerdings der von .

.vous êtes invités à patienter
FrzSie sind eingeladen, sich zu gedulden (08.10.2017)

Dieses verlogene Gesülz ist schon gar nicht mehr durch den Versuch motiviert, aus Höflichkeit nicht explizit zu machen, dass der Angesprochene die nachteiligen Konditionen akzeptieren muss; vielmehr soll die Unfähigkeit des Senders zu effizienter Organisation kaschiert werden.

Ein ebenso unverschämtes Beispiel dieses manipulativen Sprachgebrauchs ist .

.Nous vous invitons à libérer votre chambre au plus tard à midi. Tout départ en après midi entraînera la facturation d'une nuit supplémentaire. (New Hotel La Baume, Nîmes, 11.06.2015)
Frz“Wir laden Sie ein, Ihr Zimmer spätestens zu Mittag zu räumen. Jegliche Abreise am Nachmittag bringt die Berechnung einer weiteren Nacht mit sich.”

Hier bedeutet einladen “hinauswerfen”.

Schlußwort

Vieles von dem, was vorgeführt wurde, läuft in der Diskussion unter dem Schlagwort semantische Umweltverschmutzung. Das mag auf mehrere der angeführten Fälle zutreffen. In vielen Fällen allerdings ist es offensichtlich, daß der Sprecher den Hörer bzw. Leser manipulieren will. Und da der Sprecher in den meisten solchen Fällen eine Institution, ein Unternehmen oder sonst eine Instanz ist, die Macht ausüben kann, ist es wichtig, solchen Mißbrauch von Sprache aufzudecken. Vielleicht ist es eine wirksame Gegenwehr, ihn lächerlich zu machen.

Literatur

Pappert, Steffen & Schröter, Melani & Fix, Ulla (eds.) 2008, Verschlüsseln, Verbergen, Verdecken in öffentlicher und institutioneller Kommunikation. Berlin: E. Schmidt (Philologische Studien, 211).

Pörksen, Uwe 1988, Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Stuttgart: Klett-Cotta.


1 Dieser Text geht auf einen am 29.03.11 gehaltenen Vortrag zurück.