Alle, die je über ihre Sprache nachdenken, haben ein Bewusstsein von den englischen Fremdwörtern, die seit dem zweiten Weltkrieg immer zahlreicher geworden sind und von denen täglich ein großer Umsatz herrscht: es kommen nicht nur ständig welche dazu, sondern viele sind auch ziemlich kurzlebig. Nachdem das erste Viertel des 21. Jahrhunderts vorbei ist, wissen junge Leute nicht nur nicht, was eine Floppy Disk ist, sondern sie haben auch den Ausdruck noch nie gehört. Zu Fremdwörtern, sei es englischen oder lateinischen oder sonstwelchen, haben viele Menschen eine Meinung; sie sind Gegenstand von wertenden Einstellungen.
Viel weniger Sprecher bemerken eine andere Art von Entlehnung, die ebenfalls häufig, aber lange nicht so offenkundig ist:
Das Applikativ MapsMe auf dem Smartphone hat die zurückgelegte Strecke fertig aufgezeichnet. Nun fragt es mich: “Strecke teilen?” Damit meinen die Autoren von MapsMe nicht, dass die Strecke unterteilt werden könnte – was ja möglich und ggf. auch sinnvoll wäre &nash;, sondern sie meinen “(Aufzeichnung der) Strecke weitergeben?”, nämlich an jemand anders, der auch dieses Applikativ benutzt. Warum sagen die Autoren dann teilen? AirBnB findet, dass ich etwas Geschäftsförderndes tue, “indem du deinen freien Wohnraum teilst”. Soll ich mehrere Teile aus meinem freien Wohnraum machen? Nein, das meinen die Betreiber des Geschäfts nicht; sie meinen, dass ich solchen Wohnraum anderen überlassen könnte. Warum sagen sie teilen, wenn sie “überlassen” meinen? Gleichfalls fordert mich AirBnB auf: “Teilen Sie Ihre Reservierung!” Aber sie meinen nicht, dass ich den reservierten Raum oder Zeitraum teilen soll; sie meinen, dass ich die Information über die Reservierung weitergeben soll. Die Mitteilung “this is the place to share, discover and promote businesses” (https://www.reddit.com/r/BuyFromEU/) übersetzt ZDFheute (https://www.zdf.de/nachrichten/...; 09.03.25) mit “Dies ist der Ort, um Firmen zu teilen ...”. Unternehmensteilungen haben wir in der Tat erlebt.
Die Antwort auf die Frage nach dem Warum ist: Sie haben eine Bedeutungsentlehnung von dem englischen Verb share vorgenommen. To share something with somebody bedeutet “etwas an jemanden weitergeben, jemandem etwas überlassen” und, wenn der gemeinte Gegenstand teilbar ist, auch “etwas mit jemandem teilen”. Linda is sharing the chocolate with her sister wäre also tatsächlich mit Linda teilt die Schokolade mit ihrer Schwester schön übersetzt. Dies ist vermutlich das Stück aus ihrem Englischunterricht, an das sich diese Übersetzer erinnern. In derartigen Fällen treffen mangelnde Englischkenntnisse auf mangelnde Deutschkenntnisse.
Ich verstehe jemanden oder etwas; das setzt voraus, dass der andere mit mir kommuniziert, und bedeutet, dass ich den Sinn dessen, was er mir übermittelt, erfasse, und schließt im besten Falle ein, dass ich mich in ihn einfühlen kann. Wissenschaftler hingegen entwickeln niedere Formen des Verstehens. So gibt ein Forscher eines Max-Planck-Instituts zu Protokoll (https://www.mpg.de/8995790/menschen-wanderung-indogermanische-sprachen; 02.03.2015): “Wir wollen verstehen, wie ähnlich sich Bevölkerungsgruppen aus Europa, Anatolien, dem Kaukasus, Iran und Indien vor 3000 bis 6000 Jahren waren ...”, wo offensichtlich “herausbekommen” gemeint ist. "Was haben wir zum Verständnis des Universums beigetragen?", fragt Prof. Manfred Lindner in Terra X, 25.08.26. Er setzt nicht voraus, dass das Universum uns Nachrichten sendet, geschweige, dass wir uns mit ihm seelenverwandt fühlen können. Mit Verständnis meint er bloß “Erforschung”. Es gibt im Deutschen eine Vielzahl von Verben wie herausbekommen, klären, klarkriegen, durchschauen, die alle ähnliche kognitive Leistungen bezeichnen, wo nicht notwendig Kommunikation involviert ist. Für sie alle kann man im Englischen – seit einiger Zeit – understand sagen. Und das Standardgegenstück von engl. understand ist für viele halt verstehen.
Ich erlaube jemandem etwas; das bedeutet, er möchte etwas tun, ich habe die Macht, das zu verhindern, sage jedoch, dass er es tun darf. Wenn dagegen nicht notwendigerweise eine andere Person, die etwas wollen könnte, beteiligt ist, sagt man, ich lasse etwas zu. Englisch allow bedeutet sowohl “erlauben” als auch “zulassen”. Aber seit einiger Zeit wird weithin – vor allem in der digitalen Welt – so getan, als bedeute erlauben auch “zulassen”. Daher liest man, man möge Werbeunterbrechungen erlauben und was dergleichen mehr ist.
In solchen Fällen werden keine Wörter entlehnt; es geht ja nicht darum, ob wir sharen, allowen oder understanden sagen, was wir bislang nicht tun. Der Vorgang ist komplizierter: Ein Wort der Gebersprache ist – wie die meisten Wörter – mehrdeutig und wird deshalb durch verschiedene deutsche Wörter übersetzt. Eine der möglichen Übersetzungen wird zu dem Übersetzungsäquivalent des fremden Wortes erhoben und auch in solchen Zusammenhängen verwendet, wo die anderen Entsprechungen angebracht waren und sind. Dadurch erbt dieses Übersetzungsäquivalent die anderen Bedeutungen des fremdsprachigen Gegenstücks. Die Übernahme dieser Bedeutungen heißt semantische Entlehnung oder Bedeutungsentlehnung. Da die ursprüngliche Bedeutung des deutschen Wortes und die erworbenen Bedeutungen einander ähnlich sind, bleibt der Vorgang nahezu unbemerkt. Er wird höchstens bemerkt, wenn die übernommenen Verwendungen zu ungewohnt sind oder gar Missverständnisse auftreten.