Exzerpt (der 5. Auflage)
Einleitung
§1. Geschichtswissenschaft vs. Gesetzeswissenschaft [~ Naturwissenschaft]. Sprachwissenschaft ist eine Geschichtswissenschaft. Prinzipienwissenschaft soll die allgemeine (gegenüber der speziellen) Wissenschaft repräsentieren. Basiert sowohl auf Geschichts- als auch auf Gesetzeswissenschaften. Behandelt allgemeine Grundbedingungen für jede Art der geschichtlichen Entwicklung.
§2. Prinzipienlehre ist am wenigsten in der Kulturgeschichte ausgebildet. Jedoch wichtig für methodologische Grundlegung: aus der Untersuchung des Wesens der histor. Entwicklung Prinzipien, aus diesen Methoden ableiten.
§3. Sprachwissenschaft ist die exakteste Kulturwissenschaft.
§4. Zwei Hauptgruppen der hist. Wiss.: hist. Naturwiss. und Kulturwissenschaften. Kultur ist konstituiert durch Wirkung psychischer Faktoren. Daher Psychologie wichtigste Basis aller Kulturwiss. Daneben physische Faktoren. Prinzipienlehre behandelt Zusammenwirken psych. und phys. Faktoren.
§5. Kultur ist abhängig von Gesellschaft. Arbeitsteilung. Sprachentwicklung erklären aus der Wechselwirkung der Individuen aufeinander.
§6f. Auseinandersetzung mit Lazarus & Steinthals Völkerpsychologie. Alles Psychische spielt sich notwendig im Einzelnen ab. Daher gibt es nur Individual-, keine Völkerpsychologie. Übertragung psychischer Inhalte zwischen Individuen ist nur mit physischen Mitteln möglich, daher nichts Psychisches. Übertragung von Vorstellungen basiert entweder auf direkter Beziehung [indexisch] oder auf Ideenassoziation [symbolisch].
§8. Ein Vorstellungsinhalt ist nicht übertragbar. Das Signal kann nur im Empfänger bereits vorhandene Vorstellungen aktivieren. Geistige Entwicklung in der Gesellschaft ist "Verwandlung indirekter Assoziationen in direkte", d.h. Überspringung vorher gemachter Umwege.
§9. Sprachwissenschaft vs. andere Kulturwissenschaften. Exaktheit in empir. Wissenschaften durch Isolierung der einzelnen, im Verband wirkenden Faktoren. SW hat nicht mit materiellen Inhalten zu tun, sondern mit deren Verhältnis zu bestimmten Lautgruppen. Sie basiert auf zwei Gesetzeswiss., der Psychologie und Physiologie. Sprachl. Schöpfungen sind ausschließl. Werke von Individuen, und zwar unbewußte. Daher sind sie einfach und in allen Individuen dieselben. Dies begünstigt exakte wiss. Erkenntnis.
§10. Alle Sprachbetrachtung ist geschichtlich.
I. Allgemeines über das Wesen der Sprachentwickelung
§11. Vergleichende Grammatik ist eine Art histor. Grammatik. Die deskriptive Grammatik, durch die histor. überwunden, verzeichnet bloß Abstraktionen [implizit gegen Gabelentz].
§12. Gegenstand der (histor.) SW ist die Summe aller je stattgehabten Sprechakte. Die wirkenden Kräfte sind teils offenbar, teils unbewußt. Vorstellungsgruppen assoziieren sich unbewußt. So bilden sich [syntagmatische und paradigmatische] assoziative Bezüge.
§13. Der "Organismus von Vorstellungsgruppen" ist bei jedem Individuum in steter Bewegung und Veränderung und hat bei jedem verschiedene Gestalt. Hinreichender Grund für Sprachveränderung.
§14. Histor. Entwicklung geht nur in der Psyche, nicht im Gesprochenen vor sich.
§15. Durch Beobachtung der Sprechakte muß auf die Sprachorganismen bzw. auf deren Durchschnitt, den Usus geschlossen werden. Beobachtbar sind akust. Eindrücke und Artikulationsbewegungen. Das Psychische ist nur durch Selbstbeobachtung zugänglich. Als Basis der Beschreibung sind die herkömmlichen gramm. Kategorien unzureichend.
§16. Durch Vergleich von Beschreibungen verschiedener Epochen stellt man die Veränderungen des Sprachusus fest. Ihre Ursache ist die - unbewußte - Sprechtätigkeit; sie sind also unabsichtlich.
§17. Eine Akkumulation von Änderungen der individuellen Sprechtätigkeit verändert den Usus. Zentrale Frage des Verhältnisses von individueller Sprechtätigkeit zum Usus. Allmähliche Abstufungen statt kategorialer Unterschiede.
§18. Wichtig für die Sprachveränderung ist der Einfluß, dem das Individuum unterliegt, bes. während der Spracherlernung.
§19. Sprachveränderung ist 1. entweder Schaffung von etwas Neuem oder Verlust von etwas Altem oder Unterschiebung (Ersetzung des Alten durch Neues); 2. entweder Laut- oder Bedeutungswandel oder Wandel, der beides affiziert: Urschöpfung, Analogie.
§20. Die Frage nach dem Ursprung der Sprache gehört in die Prinzipienlehre.
§21. Neben den grammatischen sind die logischen und psychologischen Kategorien zu berücksichtigen.
II. Die Sprachspaltung
§22. Idiolekt, Dialekt und Sprache sind nur graduell verschieden, so wie in der Zoologie Individuum, Gattung und Art. Die Sprache jedes Individuums hat ihre eigene Geschichte.
§23. Differenzierung findet automatisch statt, desto stärker, je weniger Verkehr zwischen den Individuen herrscht.
§24. Es gibt kein Idiolektkontinuum, wo die nebeneinanderliegenden Idiolekte maximal ähnlich und die Pole maximal unähnlich sind. Stattdessen bilden sich wegen der geographischen und Siedlungsverhältnisse Gruppierungen, folglich Dialekte, deren Grenzen sich aber überschneiden.
§25. Dialektgrenzen bilden sich, wo kein regelmäßiger Verkehr stattfindet.
§26. Die "spontanen Tendenzen zur Veränderung" sind auch bei bestehenden Grenzen noch unberechenbar und sorgen für Überschneidungen der Grenzen bei weiteren Differenzierungen. Für die Wellentheorie: Es gibt keine Stammbäume; diese beruhen auf willkürlicher Beschränkung auf gewisse Unterschiede.
§27. Nicht immer sind die ausgedehntesten oder auffälligsten Differenzierungen auch die ältesten. Früheste Differenzierung entspricht nicht notwendig stärkster Differenzierung.
§28. Es gibt Dialektkontinua. Durch Wanderungen und Überstülpung von Schriftsprachen wird alles noch viel komplizierter.
§29. Bei Wachsen schroffer Grenzen entstehen unabhängige Sprachen. Normalerweise setzen diese Dialekte der Ursprache fort. Allerdings gibt es auch nach der Spaltung unabhängige Parallelentwicklungen. Andererseits gibt es auch Abspaltung durch Wanderung, ohne daß vorher eine entsprechende Dialektgrenze bestand.
§30. Dialektunterschiede werden vor allem durch phonolog. Unterschiede konstituiert. Grammatik und bes. Lexikon folgen bloß sekundär, sind auch leichter unabhängig entlehnbar.
§31. Das einzig automatische Resultat der Dialektentwicklung ist fortwährende Differenzierung. Konvergenz gibt es nicht, nur Aufpfropfung einer Gemeinsprache.
III. Der Lautwandel
§32. Zur Artikulation gehören Motorik, Bewegungsgefühl und auditiver Eindruck. Die zugehörigen Erinnerungsbilder gehen eine äußere Assoziation ein.
§33. Deren einzelne Bestandteile [etwa auf Phonemniveau] werden nicht bewußt.
§34. Das Signans besteht nicht aus diskreten Einheiten, sondern ist "eine kontinuierliche Reihe von unendlich vielen Lauten". Dies gilt auch für die psych. Repräsentation. Die Segmentierung ist erst wiss. Resultat.
§35. Selbst wenn die Einheiten durch Reflexion schon mal bewußt gemacht wurden, bleiben sie bei der alltäglichen Redeerzeugung doch unbewußt, da diese automatisch vor sich geht.
§36. Automatismus und Unterbewußtheit schließt Kontrolle nicht aus. Während allerdings die rein phonet. Kontinua unendl. fein gestuft sind, ist das Unterscheidungsvermögen - und damit die Kontrolle - endlich. Variation unterhalb des Unterscheidungsvermögens beeinträchtigt daher die Verständigung nicht.
§37. Variation in der Aussprache ist Konsequenz der Unvollkommenheit menschlicher Motorik. Das Bewegungsgefühl wird unter dem Einfluß der jüngsten Realisationen umgestaltet.
§38. Die Realisationen und somit das Bewegungsgefühl verschieben sich, in unmerklichen kleinsten Schritten, nach einer Seite, wenn dies aus physiolog. Gründen bequemer ist. Dies gilt bes. für Lautkombinationen, weniger für Einzellaute, die aber auch in bezug auf eine gegebene Indifferenzlage der Artikulationsorgane mehr oder minder bequem sein können.
§39. Der Übergang eines Lautes in einen anderen findet natürlich synchron nicht im relevanten Kontext immer wieder statt, sondern ist, nach abgeschlossenem Wandel, ein Lautwechsel. Ferner ist er nicht durch irgendwelche besonderen Einstellungen o.ä. bedingt, sondern völlig unkontrollierbar.
§40. Das Bewegungsgefühl wird immer wieder nach dem Lautbild korrigiert. Allerdings schwanken in einer Gruppe auch die Lautbilder.
§41. Sprachwandel setzt natürlich voraus, daß alle Mitglieder einer Gemeinschaft in derselben Richtung verändern. Dafür sind keine äußeren Faktoren (Anatomie der Organe, Klima etc.) verantwortlich.
§42. Ein gegebener Laut kann sich immer nur in eine sehr kleine Anzahl von Richtungen bewegen. Der Zufall reicht aus, daß er sich bei einer Gruppe von Sprechern in dieselbe Richtung bewegt. Innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft sind immer einige Vorreiter und einige Nachzügler; der Zwang zur Verständigung läßt sie alle in dieselbe Richtung gehen.
§43. Die konservativen Sprecher sterben aus. Die Sprachlerner setzen bereits auf einem teilweise veränderten Zustand auf und setzen die Tendenz fort.Die Spracherlernung ist also die Hauptveranlassung des Lautwandels.
§44. Verschiedene Bewegungsgefühle [Artikulationsmuster] können in bezug auf ein Lautbild äquivalent sein.
§45. Vom graduellen Lautwandel sind die diversen abrupten Wandel zu unterscheiden: Metathese, Fernassimilation, Ferndissimilation, Haplologie. Sie haben mit Versprechern zu tun.
§46. Ein Lautgesetz ist kein Gesetz i.S. der Naturwissenschaften, sondern eine histor. Erscheinung. Seine synchrone Hinterlassenschaft ist der Lautwechsel. Die "Konsequenz" [so statt Ausnahmslosigkeit] des Lautgesetzes ist auf einen gegebenen Dialekt und konstante Kontextbedingungen beschränkt.
§47. Das zu einem Laut gehörende Bewegungsgefühl ist dasselbe bei allen seinen Vorkommen. Ausnahmen von der Wirkung eines Lautgesetzes gehen nicht auf gelegentliches Nicht-Wirken, sondern auf die Interferenz anderer Faktoren wie Analogie zurück. Diese wirken nicht inhibitiv, sondern restitutiv.
§48. Innerhalb eines Dialektes gibt es keine Inkonsequenzen in der Durchführung der Lautgesetze, sondern nur durch Dialektmischung, d.h. durch Entlehnung. Verhören kann keinen Lautwandel auslösen.
§49f. Bei den in §§44f besprochenen Fällen sowie Interferenz andersartiger Faktoren ist absolute Konsequenz nicht theoretisch notwendig.
IV. Wandel der Wortbedeutung
§51. Basis des Bedeutungswandels ist die Abweichung der okkasionellen von der usuellen Bedeutung.
§52. Die okkasionelle Bedeutung hat größere Intension und geringere Extension als die usuelle. Sie ist individuiert/spezifisch/referentiell festgelegt ("konkret"), die usuelle begrifflich/generisch ("abstrakt").
§53. Die usuelle Bedeutung kann polysem/homonym ("mehrfach") sein, die okkasionelle ist monosemiert ("einfach"). Der Unterschied zwischen Homonymie und Polysemie kann historisch (durch etymolog. Zusammenhang) begründet werden, ist synchron nicht mehr faßbar, sobald die abgeleiteten Bedeutungen usuell geworden sind. Ein Wort ist mehrdeutig, 1. wenn eine abgeleitete Bedeutung okkasionell ohne Rekurs auf die Grundbedeutung verstanden werden kann, 2. wenn es keine die gesamte Extension umfassende einfache Definition hat und 3. wenn sein okkasioneller Gebrauch nicht die ganze Extension umfassen kann.
§54. Verständnis der usuellen Bedeutung ist durch Sprachkenntnis garantiert; Verständnis der okkasionellen Bedeutung hängt von der Sprechsituation ab.
§55. Mittel der Individualisierung: Artikel u.a. Determinantien, Situationsdeixis, vorausgesetztes Redeuniversum, Attribution, Inhärenz einer inalienablen Beziehung. Bei Eigennamen funktioniert es genauso. [hervorragendes Kapitel, nimmt Coseriu 1955 vorweg]
§56. Dieselben Mittel dienen der Monosemierung.
§57. Ein anderes Verhältnis zwischen usueller und okkasioneller Bedeutung als das der Inklusion besteht bei der Übertragung eines Ausdrucks auf eine andere Bedeutung, die mit der bisherigen nur ein Merkmal, das tertium comparationis, gemeinsam hat [d.i. Metapher].
§58. Metonymie.
§59. Metapher und Metonymie werden nur aufgrund kontextueller Hinweise, z.B. Selektionsbeschränkungen, verstanden.
§60. Beim Übersetzen wird die okkasionelle Bedeutung übersetzt, wobei wechselnde Entsprechungen zu usuellen Bedeutungen unvermeidlich sind.
§61. Die Grenze zwischen usueller und okkasioneller Bedeutung sind fließend. In dem Maße, in dem okkasionelle Bedeutungen usuell werden, findet Bedeutungswandel statt. Solange eine Bedeutung nur aktuell von der usuellen abgeleitet wird, ist sie okkasionell; wenn sie wiederholt selbständig abgerufen wird, ist sie usuell. Der Übergang kann bei verschiedenen Individuen in verschiedenem Stadium sein. Im Spracherwerb muß die usuelle aus den okkasionellen Bedeutungen erschlossen werden. Auch hierbei vorkommende Unterschiebungen können Bedeutungswandel auslösen. Wichtiger sind aber Umgruppierungen der Teilbedeutungen. Marginal sind bewußte Eingriffe in den Wortschatz.
§62. Alle Arten des Bedeutungswandels setzen das Bestehen einer entsprechenden Art der okkasionellen Abwandlung voraus. Bedeutungsspezialisierung; Umwandlung von Appellativa in Propria (z.B. Neustadt) ist ein Fall davon. Dito Festlegung auf eine Stilebene oder Konnotation.
§63. Bei Derivation und Komposition findet von Anfang an Bedeutungsverengung statt [antizipiert Seiler 1975].
§64. Bedeutungserweiterung = Beschränkung der Intension.
§65. Die Intension kann dadurch eingeschränkt werden, daß die entsprechenden Merkmale anderswo im Kontext ausgedrückt sind. Dem unterliegen auch Derivationsaffixe.
§66. In der Komposition wird oft nur ein Teil der Intension des Determinatums benutzt [Bedeutungserweiterung durch Metapher]. Auch der Übergang von Proprium in Appellativum (Adonis) ist Bedeutungserweiterung.
§67-69. Metaphern kombinieren Bedeutungserweiterung mit -verengung, z.B. Fuchs. Sie sind in der Umgangssprache eine der wichtigsten Quellen des Bedeutungswandels. Tertium comparationis kann sein: Gestalt, räuml. Beziehung, Funktion, räuml. > zeitl. Erstreckung, räuml. Verhältnisse und Vorgänge > emotionale u.a. unsinnliche, Synästhesie, Animismus.
§70. Metonymie. Basis kann sein: Pars (auch in Bahuvrihis), räuml. verbundener Gegenstand, Reflex für Gemütsbewegung, symbolische Handlung, Eigenschaft für Person, Handlung für Agens, Patiens, Locus, Instrument [Ausrichtung] u.v.a.m.
§71. Nicht unter die Hauptgruppen fallen: Übertreibung, Derbheit, Litotes, Euphemismus, Devaluation, Ironie.
§72. Alle diese Arten sind auf komplexe Weise kombinabel.
§73. Nicht nur Wörter, auch Phrasen und Idiome sind betroffen.
§74. Es gibt starke individuelle Abweichungen dessen, was jemand mit einem Wort an Bedeutung verbindet. Ebenso wandeln sich die mit einer Bedeutung von allen verknüpften Vorstellungen historisch, so wie sich der Gegenstand in der Kulturentwicklung wandelt. Hier spricht man nicht von Bedeutungswandel.
V. Analogie
§75. Wörter gruppieren sich aufgrund partieller Ausdrucks- oder Bedeutungsähnlichkeit. Zwei Hauptarten: stoffliche und formale Gruppen. Eine stoffliche Gruppe hat ein Lexem gemeinsam und variiert nach grammatischen Kategorien [Paradigma]; oder es ist eine Gruppe von Wörtern, die regelmäßige lexikal. Relationen zueinander haben [Wortfeld]. Eine formale Gruppe hat eine grammatische Kategorie oder Subkategorie gemeinsam und besteht aus allen Lexemen in der betreffenden Kategorie. Der stofflichen Gruppe des ersten Typs entspricht auch ein gemeinsamer Ausdruck, während dieser sich in den formalen Gruppen desto mehr findet, je mehr man in die Subkategorien hinabsteigt. Stoffliche und formale Gruppen bilden Kreuzklassifikationen.
§76. Durch die Kreuzklassifikation entstehen stofflich-formale Proportionengruppen wie `gebe : gab = sage : sagte', mit oder ohne lautliche Übereinstimmung. Außerdem rein stoffliche Proportionengruppen wie `amo : amas = amavi : amavisti'; oder etymologisch-lautliche wie `Spruch : Sprüche = Tuch : Tücher', mit Lautwechsel. Die Glieder einer Proportion können auch in syntagmatischer Relation stehen, z.B. `pater : mortuus = filia : pulchra'; aus solchen syntaktischen Proportionengruppen werden syntaktische Funktionen abstrahiert.
§77. Die Verbindungen innerhalb der Proportionengruppen sind verschieden eng, je nachdem, wie groß die inhaltl.-lautl. Entsprechung und wie stark die Relation in der Sprache ausgeprägt ist.
§78. Alles Sprachschaffen, das nicht bloß reproduziert, gleich ob innerhalb des Systems oder systemverändernd, ist kombinatorische Tätigkeit anhand von Proportionengruppen, Auflösung von Proportionengleichungen. Dies ist Analogiebildung.
§79. Beim Mutterspracherwerb abstrahiert man Regeln aus den gehörten Mustern. Dabei passieren vorschnelle Verallgemeinerungen. Gruppen mit nur wenigen Gliedern unterliegen dem analog. Ausgleich gemäß den stärker repräsentierten Gruppen.
§80. Jedes Flexionsparadigma wird nach Analogie gebildet; zur Erlernung genügen ein paar Vorbilder. In der Wortbildung ist die Gruppenbildung weniger stark ausgeprägt.
§81. Nach Proportionen kann auch gebildet werden, wenn die Resultate schon im Inventar sind. Sie können durch die proportionale Bildung getroffen, bei Zugrundelegung einer abweichenden Proportion aber auch verfehlt werden. Die neue Proportion kann sich durchsetzen, so daß jeder anhand bestehender Proportionen die Sprache verändern kann.
§82. Es gibt Analogiebildungen, die bloß die bisherigen Möglichkeiten erweitern, und andere, die in Widerspruch zum Usus stehen. Auch sie setzen sich durch, wenn mehrere dieselbe Intuition haben. Auch Analogiebildungen des kindlichen Spracherwerbs können sich durchsetzen. In der Sprachgemeinschaft bestehen alte und neue Form eine Zeitlang nebeneinander.
§83. Analogischer Ausgleich setzt das Bestehen einer Gleichung mit drei Gliedern voraus. Besteht diese nicht, so ist die Übernahme z.B. eines Allomorphs in eine andere Flexionsklasse nicht analogisch, sondern lediglich Ausweitung des Häufigeren.
§84. Eine etymologisch-lautliche Proportion kann einem Lautwechsel entsprechen, also das Ergebnis eines Lautwandels sein. Ihre Anwendung ergibt Alternationen, wie sie das Lautgesetz selbst auch gehabt hätte, aber auch darüber hinausgehende, wenn die Proportion umgekehrt wird. So entstehen Silbenfugen-n und -r im Satzsandhi deutscher Dialekte.
VI. Die syntaktischen Grundverhältnisse
§85. Ein Satz ist Zeichen für die Verbindung mehrerer Vorstellung(sgrupp)en. Diese Definition umfaßt auch Konstruktionen wie Ich ein Lügner?, Ich dir danken? Die entgegengesetzte Auffassung, wonach ein Satz der Zergliederung eines ursprünglich ganzheitlichen Gedanken entspräche, ist nicht haltbar, vor allem nicht für negative Behauptungssätze, Aufforderungs-, Frage- und komplexe Sätze. Leider umfaßt die Definition auch komplexe Satzglieder, die sich jedoch aus Sätzen entwickelt haben.
§86. Die syntaktischen Mittel sind: 1. Nebeneinanderstellung, 2. Reihenfolge, 3. Akzentmuster, 4. Intonationsmuster, 5. Tempo inkl. Pause, 6. grammat. Wörter, 7. Flexion. 1-5 sind auch ohne Grammatik möglich, 2-5 jedoch grammatikalisierbar. Die Mittel sind unterschiedlich explizit.
§87. Jeder Satz enthält mindestens zwei Glieder, Subjekt und Prädikat. Hierunter fallen auch die Satzglieder solcher Sätze wie ein Mann ein Wort, deren grammat. Form dieselbe ist wie die von Ehestand Wehestand.
§88. Universaliter ist das psycholog. Prädikat stärker akzentuiert als das Subjekt. Es steht allerdings nicht notwendig hinter dem psych. Subjekt, sondern kann als Fokus am Anfang kommen.
§89. Sätze haben, je nach Prädikat und Subjekt, konkrete oder abstrakte [spezifische oder generische] Bedeutung.
§90. Formal eingliedrige Sätze haben meist ein implizites psych. Subjekt, das anaphorisch oder deiktisch ergänzbar ist. Auch ein psych. Prädikat kann implizit bleiben und aus der Situation ergänzt werden.
§91. Unpersönliche Verben in der 3.Ps. haben ein grammatisches und ein davon verschiedenes implizites psychologisches Subjekt, das jeweils aktuelle Ereignis [z.B. dieser Regen]. Solche Sätze sind immer konkret [spezifisch].
§92. Auch ein negativer Satz setzt eine Verbindung voraus; er drückt aus, "daß der Versuch, eine Beziehung zwischen zwei Vorstellungen herzustellen, mißglückt ist."
§93. Den Aussagesätzen stehen die Aufforderungssätze (mit diversen Subtypen) gegenüber. Sie sind nicht aus den ersteren abzuleiten und können auch eingliedrig sein. Statt finiter modaler Formen ist auch der Infinitiv möglich.
§94. Zur vorgenannten Einteilung verhält sich kreuzklassifizierend die Einteilung in Fragesätze und Nicht-Fragesätze. Satzgliedfragen können, mit ursprünglichem Indefinitum anstelle des Interrogativums, aus Satzfragen abgeleitet werden. Wesentlicher Unterschied der Satzfrage vom Aussagesatz ist die Intonation. Fragesätze, bes. auch der auffordernde Subtyp, können mit den verschiedensten illokutiven Kräften (Erwartung einer Bestätigung, Verwunderung, Entrüstung, rhetorische Frage, Ausruf) verwendet werden.
§95. Alle syntaktischen Relationen außer der Satzgliedkoordination beruhen auf der Subjekt-Prädikat-Relation.
§96. Zwischen Erweiterung eines Satzes um ein zweites Subjekt oder Prädikat (bes. in der Konstruktion apo koinou) und einem koordinativ zusammengesetzten Subjekt bzw. Prädikat besteht ein fließender Übergang.
§97. Attribution ist aus Prädikation abzuleiten. "Herabdrückung des Prädikats zur bloßen Bestimmung" bes. deutlich im Relativsatz apo koinou. Dieser ist im Ahd. am häufigsten im negierten Existenzsatz. Muß nicht unbedingt in allen Fällen aus dem Indogermanischen ererbt sein. Attribute können restriktiv oder appositiv sein. Das Prädikativum steht zwischen Prädikat und Attribut. Alle weiteren "Bestimmungen" [Modifikationen] setzen die zum Subjekt voraus.
§98. Während sich in §96 zwei Subjekte mit einem Prädikat und in §97 zwei Prädikate mit einem Subjekt verbinden, geht eine andere Art des komplexen Satzes aus dem Anschluß eines weiteren Prädikats ans Prädikat hervor. Das zusätzliche Prädikat ist syntaktisch untergeordnet, z.B. als Objekt oder Adverbial, aber psychologisch oft das Hauptprädikat. [Inwiefern das Objekt ein Prädikat ist, wird nicht gezeigt.]
§99. Bestimmungen können gehäuft und geschachtelt werden. Auch hier gibt es fließenden Übergang zwischen der Beziehung eines Attributs auf zwei Bezugsnomina und einem koordinativ zusammengesetzten Bezugsnomen.
§100. Da das Prädikat kein finites Verb zu sein braucht, besteht auch keine Grenze zwischen einfachem und zusammengesetztem Satz. Es hat sich auch nicht Hypotaxe aus Parataxe entwickelt. Subjekt- und Objektsätze kommen ohne formale Kennzeichen der Subordination vor und sind dann zwar selbständigen Sätzen strukturell ähnlich, aber nichtsdestoweniger abhängig. Über indirekte Rede und Apposition.
§101. Hypotaxe ist das semantische Verhältnis zwischen zwei Sätzen, deren einer den anderen näher bestimmt. Da Sätze im Text immer eine innere Beziehung zueinander haben, gibt es in dem Sinn keine reine Parataxe, sondern nur, wenn man diese als nicht-einseitige, also gegenseitige Hypotaxe definiert. Durch ein Anaphorikum im Folgesatz kann der vorangehende Satz implizit nachträglich subordiniert werden.
§102. Mittel der "stufenweisen Annäherung an gänzliche Unterordnung" sind Consecutio Temporum, temporale u.ä. Partikeln. Andere parataktische Konstruktionen mit Unterordnungsbedeutung.
VII. Bedeutungswandel auf syntaktischem Gebiet
§103. Die Grundbegriffe (Usus und Okkasion, Verengung und Erweiterung) sind dieselben wie in der Lexikologie. In der Syntax hat man mit Bedeutungen von Beziehungen zu tun. Innerhalb einer allgemeinen Beziehung wie der durch den Akkusativ ausgedrückten sind spezifische Beziehungen zu bestimmten Wörtern zu unterscheiden.
§104. Der Genitiv konnte im Idg. jede beliebige Beziehung zw. zwei Substantiven ausdrücken, ist dagegen im Nhd. auf einzelne Verwendungen beschränkt; für andere sind Präpositionen eingetreten.
§105. Der Akkusativ bezeichnete im Idg. jede NS-V-Relation außer der des Subjekts. Auch hier wurden die Beschränkungen enger. Im freien Akk. hat es allerdings im Nhd. eine Gebrauchserweiterung gegeben: In Analogie zur Erweiterung des Objekts eines transitiven Verbs um ein Prädikatsnomen (tot schießen) werden auch intr. Verben so konstruiert (Füße wund laufen). Zu einem gegebenen Verb hat das direkte Objekt meist eine bestimmte semant. Relation, aber Wechsel kommt vor, vor allem im Zusammenhang mit Konversion.
§106. Die Präpositionen waren im Idg. Adverbien, begannen später den Kasus zu regieren.
§107. Seit alters tritt die Apposition auch bei partitiven Verhältnissen ein, neuerdings auch für die Mengenbezeichnung nach einer Maßbezeichnung. Hier ist es allerdings der reine undeklinierte Stamm des Substantivs [also eigtl. keine Apposition!].
§108. Derselbe Wechsel der semant. Relation wie in §105 findet auch in der Subjektsrelation statt (z.B. x riecht y, y riecht ). Dito in der Modifikationsrelation des Adjektivs (trauriges Ereignis = Ereignis, worüber man traurig ist), beim Partizip und Nomen Actionis.
§109. Subordinierte Konstruktionen gewinnen okkasionell bestimmte semant. Relationen, die dann in Konjunktionen und Präpositionen usuell werden können, z.B. temporal > kausal.
VIII. Kontamination
§110. Kontamination ist [syntagmatische] Vermischung zweier synonymer oder irgendwie verwandter Ausdrucksformen. Auf Wort- und höherer Ebene.
§111f. Auf Wortebene weniger häufig bei etymolog. unverwandten Wörtern, häufiger zw. verwandten.
§113f. Kontamination zw. zu einem Flexionsparadigma gehörenden Formen und zw. zu einem lexikal. Paradigma gehörenden Wörtern.
§115. Pleonastische Verbindung zweier synonymer derivativer oder flexivischer Affixe mit einem Wort (wahrhaftig, optimalster, Sächelchen).
§116. Syntaktische Kontamination, okkasionelle Beispiele.
§117. Anaphorisches (Pers.-)Pronomen bezieht sich auf Begriff, der selbst nicht ausgedrückt war (meine Sache, der ich ...).
§118. Mischungen von Valenzen synonymer Verben oder alternativer Valenzen eines Verbs; von alternativen Adjunktanschlüssen, u.v.a.m. Auch infinitivische Fragesätze werden als Kontamination erklärt, dito Prolepse aus Komplementsatz. Statt daß nach Kataphorikum oder anderer Vorgabe häufig spezifischere Konjunktion.
§119. Konjunktionen vor nicht-finiten Sätzen, Präpositionen vor finiten. [Viele Analysen offenbar ohne historische Untersuchung aufgrund normativer Urteile.]
§120f. Pleonastische Negation im subordinierten Satz in negativem Kontext, nach `ohne' und andere Pleonasmen.
IX. Urschöpfung
§122. Über die Urschöpfung gibt es kaum empirische Evidenz. Dennoch ist sie nicht ein Vermögen, das ausschließlich die Urmenschen bei der Spracherfindung hatten.
§123. Urschöpfung ist auch in geschichtlicher Zeit anzunehmen für all die Fälle, in denen ein Wort nicht historisch angeschlossen werden kann. Es gibt in der Sprachevolution nicht zwei Perioden, eine des Schaffens und eine der Rekombination von Stoff, sondern nur einen graduellen Unterschied zwischen dem jeweiligen Anteil des Schaffens und des Tradierens.
§124. Jegliche Wortschöpfung ist "kausal" motiviert, also auch die Urschöpfung, und zwar durch einen "direkten Zusammenhang zwischen Objekt und Benennung". Die Benennung muß passen.
§125. Daher liegt "das eigentliche Gebiet der sprachlichen Urschöpfung" bei den Geräusch- und Bewegungsverben (umfangreiche Liste von Bsp.) und anderen Onomatopoetika. Onomatopoetische Umgestaltung ist partielle Neuschöpfung.
§126. Interjektionen sind unwillkürlich hervorgebrachte Affektlaute, die jedoch durch die Tradition geformt sind. [Daß sie unwillkürlich sind, gilt aber höchstens für die erste der folgenden Subkategorien.] Es gibt zwei Kategorien. 1. Die reinen Affektlaute wie pfui. Sie können auch aus Wörtern abgeleitet sein, wie herrjemine < Herr Jesus domine. Umgekehrt können Mitglieder der Hauptklassen auf Interjektionen zurückgehen (ächzen). 2. Onomatopoetische Bildungen wie patsch [Ideophone]. Diese häufig redupliziert oder gereimt.
§127. Auch in der Ammensprache spielen Onomatopoiie und Reduplikation eine große Rolle. Auch für sie gilt "die innere Beziehung des Lautes zur Bedeutung" [ist für Mama, Papa, pipi, ata ata u.v.a. nicht zu sehen].
§128. Die nachträgliche Konstruktion einer auditiven Ähnlichkeit zwischen Onomatopoetikum und Geräusch spielt eine geringe Rolle. Lautsymbolik dagegen beruht auf "einer sekundären Assoziation".
§129. Reine Urschöpfung gab es nur beim Ursprung der Sprache. In ausgebildeten Sprachen ist es nur partielle Urschöpfung, denn die Wörter werden innerhalb des bestehenden Systems kategorisiert und mit Formativen versehen (Analogie). Da es beim Ursprung der Sprache noch keine logisch-sprachliche Kategorisierung gab, bezeichneten die ersten Zeichen etwas, dessen Abgrenzung vorgegeben war, d.s. bewegte Objekte. Anschauungen, die in ausgebildeter Sprache durch Sätze wiedergegeben werden, werden durch interjektionsartige Wörter bezeichnet.
§130. Die ersten Sprachschöpfungen können noch nicht zweckgerichtet gewesen sein, da Absicht beim Einsatz eines Mittels die Erfahrung des Erfolgs voraussetzt. Sie hatten auch noch keine präzise Bedeutung und mußten daher von Gebärden unterstützt werden.
§131. Es gab auch zunächst keine Sprachlaute, da es keine "Gleichmässigkeit des Bewegungsgefühls" gab. Zuerst sehr wenige Sprachlaute, schlichte Silbenstruktur (Analogieschlüsse nach der Kindersprache). Der Unterschied zur ausgebildeten Sprache beruht i.w. auf der Abwesenheit einer Tradition, also der Reproduktion des Geschaffenen. Unter diesem Aspekt sind auch die tierischen Kommunikationssysteme Sprachen.
X. Isolierung und Reaktion dagegen
§132. Isolierung eines sprachlichen Elements ist seine Herauslösung aus den Gruppen, in denen es Proportionen bildet.
§133. Die Lockerung und Auseinanderreißung von Gruppen wird veranlaßt durch Laut- und Bedeutungswandel, auch durch Analogiebildung.
§134. Etymolog.-lautliche Gruppen werden zerstört durch phonologischen Wandel. Dadurch fallen entweder die Bedingungen der Alternation weg, oder die Glieder der Alternation selbst entwickeln sich auseinander. Außerdem werden sie durch Analogie zerstört; s. §137ff.
§135. Einzelne Bedeutungen bzw. Gebrauchsweisen syntaktischer Verhältnisse können sich gegeneinander isolieren, sobald sie an bestimmte einzelne Wörter gebunden werden, z.B. die "Bedeutung" des Dativs, die nach zu erscheint. Sie können sich auch an einzelnen Wörtern erhalten, nachdem sie syntaktisch nicht mehr produktiv sind. Z.B. mehrere Funktionen des deutschen Genitivs: temporal, lokal, kausal, modal; die Fügungen werden zu inanalysablen Adverbien (rechts, flugs). In verschiedenem Maße unfrei sind die Verbindungen von Präp. plus NS; der def. Artikel ist entweder obligat oder ausgeschlossen, eine Unzahl von Wendungen ist idiomatisiert. Das pränominale Adjektiv kommt nur noch in idiomatischen Wendungen (gut Ding ) unflektiert vor.
§136. Da bei jeder regelmäßigen Bildung einer Form eine stoffliche und eine formale Gruppe zusammenwirken, ist eine formale Isolierung fast immer zugleich eine stoffliche. D.h. wenn rechts nicht mehr als Genitiv empfunden wird, wird es auch nicht mehr auf das Lexem recht bezogen; dito in Kunst das Abstraktionssuffix und das Lexem können. Morphologische Formen unterliegen dieser Isolierung desto leichter, je mehr sie in die Wortbildung hineinreichen (z.B. infinite Formen mehr als finite). Ableitungen machen Bedeutungsveränderungen des Grundwortes mit, aber nicht umgekehrt; so isolieren sich die Ableitungen. Sie ändern ihre Bedeutung unabhängig vom Grundwort nicht nur infolge bereits stattgefundener Isolierung, sondern auch weil ihnen, soweit sie anderen Wortarten und grammatischen Kategorien angehören, andere Wege des semant. Wandels eröffnet sind (z.B. Ritter von reiten).
§137. Der Lautwandel erzeugt in Proportionengruppen zwecklose Unterschiede, weil nie ein Laut in allen Positionen gleichmäßig verändert wird. Das Fehlen eines lautl. Zusammenhangs begünstigt dann semant. Divergenz. Z.B. trennen sich die germ. Kausativa von den Grundwörtern, dito die -tV-Abstrakta.
§138. Die Reaktion gegen die Zerstörungen des Lautwandels, die Reorganisation ist die Analogiebildung. Analogische Ausgleichung beseitigt unnötige Alternation.
§139. An die Stelle der diversen Sandhiformen bzw. durch Akzentwechsel bedingten Varianten eines Worts tritt eine einzige. Voraussetzung ist, daß die betreffenden Syntagmen noch produktiv gebildet werden. Die Variation kann zunächst kontextbedingt sein; jedenfalls verdrängt schließlich eine Variante die anderen.
§140. Die Ausgleichung von Varianten eines lexikalischen Stamms ist stoffliche, die von Varianten eines grammatischen Affixes formale Ausgleichung. Jedes Lautgesetz ruft den analogischen Ausgleich als Reaktion hervor, "es sei denn, daß der hinterlassene Lautwechsel bleibend durch die Analogie gestützt wird."
§141. Im Gegensatz zum Lautwandel selbst muß die analogische Ausgleichung nicht unbedingt regelmäßig sein.
§142. Formen, die durch die Wirkung mehrerer Lautgesetze differenziert sind, werden weniger leicht ausgeglichen. Z.B. wird der kurze Vokal in der 2. Sg. i.a. analogisch gedehnt (lebst wie lebe), nicht jedoch, wenn auch seine Qualität verschieden ist (nimmst). Dito wird konsonantischer Wechsel infolge Verners Gesetz im Paradigma ausgeglichen, wenn der Vokal derselbe war, sonst nicht (gelesen, aber gefroren). Die traditionelle Form hemmt die analogisch ausgeglichene Form desto stärker, je mehr sie von ihr verschieden ist.
§143. Ausgleichung ist desto stärker begünstigt, je enger die betreffenden Formen funktionell zusammenhängen, d.h. in je weniger Subkategorien bzw. semant. Merkmalen sie sich unterscheiden. So werden die Singularformen des Prät. der starken Verben den Pluralformen, nicht den Präsensformen angeglichen. Derselbe Lautwechsel wird in der Flexion ausgeglichen, in der Derivation nicht, erst recht nicht in semant. divergierenden Formen.
§144. Maßgebend für das Kräfteverhältnis unter den Varianten ist auch die Stärke der mnemonischen Einprägung, die wieder abhängig von der Häufigkeit. Z.B. setzt sich von den mhd. Varianten von ziemen die in der 3.Sg. auftretende gegen sonst im Paradigma verbreitetere im Nhd. durch, weil sie die häufigste ist. Ceteris paribus unterliegen seltenere Wörter der Ausgleichung früher als häufigere. Daneben gibt es auch Imponderabilien, quae ignorabimus.
§145. Wenn eine lautliche Variation alle Mitglieder einer grammatischen Kategorie betrifft, bestimmt dies Nicht-Eintreten bzw. Richtung des Ausgleichs [nicht sehr klar].
§146. Wenn eine lautl. Alternation mit einer grammatischen Opposition korreliert, trägt das zu ihrer Erhaltung bei. Wenn eine solche Korrelation annähernd besteht, wird sie durch Ausgleich vervollständigt. Die lautliche Alternation wird dann zum Ausdruck des Funktionsunterschieds. Im Griech. ist der (durch idg. Akzentwechsel bedingte) Ablaut zwischen Präs. und Perf. bei Vorhandensein der Reduplikation überflüssig und wird beseitigt. Im Germ. schwindet die Reduplikation, und der Ablaut festigt sich. Allerdings eben nur zwischen Präs. und Prät., nicht zwischen Sg. und Plural. Die Entwicklung zum Nhd. besteht in einer regelrechten Verteilung der Vokalqualitäten auf Konjugationskategorien. Dito wird der Umlaut auch in Deklinationsklassen, in denen er ursprünglich nicht auftrat, zu einem Pluralzeichen, und zwar genau dort, wo die Deklinationsendungen nicht ausreichen.
§147. Von den Allomorphen eines grammat. Morphems setzt sich oft dasjenige durch, welches in gewissen Flexionsklassen als einziges auftritt. Oft wird auch eine entstandene lautl. Differenzierung uminterpretiert als funktionsträchtig. Z.B. wurden die ursprüngl. stammbildenden Suffixe -n und -er nach Erosion der Deklinationsendungen zu Kennzeichen der obliquen Kasus (Name-n) bzw. der Plurals (Kälb-er) uminterpretiert und dann auf Substantive übertragen, in denen sie gar nicht ererbt waren. Absichtlich zur Bezeichnung eines Funktionsunterschieds gemacht Lautdifferenzierung gibt es nicht, aber sekundär unbeabsichtigt uminterpretierte.
XI. Bildung neuer Gruppen
§148. Lautwandel schafft funktionslose Unterschiede, beseitigt aber auch funktionelle Unterschiede.
§149. Lautwandel schafft Homonyme. Manchmal ist der semant. Unterschied von vornherein gering gewesen, oder es folgt semant. Konvergenz. Dann würde man ohne histor. Kenntnis nicht zwei verschiedene zugrundeliegende Wörter vermuten (z.B. laden "aufladen; einladen"). Wenn ein Allmorph von Morphem A mit Morphem B homonym ist, übernimmt manchmal B diese Allomorphie. Z.B. konjugiert praestare "leisten" < praestus unregelmäßig wie prae-stare "voranstehen".
§150. Wenn Teile von Komposita lautl. anklingen an andere Wörter, kann Volksetymologie einsetzen ohne weiteren lautl. Eingriff; d.h. die minimale Volksetymologie ist bloße semant. Uminterpretation (Bsp. Frei-tag). Bes. in Eigennamen, weil sie sich semant. nicht sträuben. Gelegentl. kommt semant. Eignung zuhilfe, wie bei Friedhof. Häufiger Interpretation als Kompositum, seltener als Derivation eines etymolog. unverwandten Worts.
§151. Komplexe Volksetymologie involviert außerdem lautl. Angleichung an ein als semant. passend empfundenes (nicht unbedingt immer semant. verwandtes) Wort. Oft absichtlich als Wortspiel. Opfer sind etymolog. undurchsichtige Wörter, die Komposita sind oder wenigstens diesen Eindruck machen (Felleisen < frz. valise). Psycholog. Erklärung durch Überwiegen der semant. Erwartung vor genauer phonolog. Analyse [wie bei den Malapropismen; nimmt Zwicky vorweg], Vorteil der Motivation vor Arbitrarietät, bes. bei langen Wörtern.
§152. Wörter werden häufig zur Verdeutlichung mit einer Gattungsbezeichnung als Determinatum komponiert und kommen dann einzeln außer Gebrauch (Maultier < mulus, Rentier, Kichererbse, Schwiegermutter). Das alte Wort wird dann auch als Determinans für analoge Komposita verwendet (Schwiegervater).
§153. Lautlicher Zusammenfall trifft ebenso die grammatischen Suffixe. 1) Funktionell gleiche Formen [Allomorphe]: Manchmal beseitigt er nur überflüssige Allomorphie; z.B. werden die ahd. Konjugationsklassen auf -ôn und -ên beide > -en. Manchmal werden auch Allomorphien noch komplizierter dadurch, daß Flexionsklassen nur in einigen Formen zusammenfallen.
§154. Wenn zwei Flexionsklassen einmal in einigen Formen zusammengefallen sind, können die anderen per Analogie angeglichen werden. Auch dies geschieht oft nur teilweise. Manchmal wechseln auch einige Wörter von A nach B und andere von B nach A. Mischklassen entstehen, wenn einige Formen aus Klasse A, andere aus B übernommen werden. Wenn eine Klasse starke Allomorphie oder nur wenige Mitglieder aufweist, wird sie leicht von einer anderen Klasse aufgesogen. Nur ihre häufigsten Mitglieder überleben dann als Anomala.
§155. Es besteht eine Tendenz, "für das funktionell Gleiche auch den gleichen lautlichen Ausdruck zu schaffen." Das Ziel bleibt allerdings "ewig unerreichbar." Denn die Wirkung des Lautwandels auf die Grammatik ist zufällig, mal vereinfachend, mal komplizierend. Ferner entziehen sich gerade die häufigsten Wörter der Regularisierung. Weiter wirkt die Analogie nicht nur zugunsten einer Bildungsweise, sondern oft auch in wechselseitiger Richtung.
§156. 2) Funktionell verschiedene Formen [grammat. Oppositionen]: Durch phonolog. Erosion und Vereinfachung fallen die Subkategorien einer Flexionskategorie oder zwei Derivationskategorien im Ausdruck zusammen.
§157. Homonymie verschiedener (Sub-)kategorien kann, nachdem sie in einigen Fällen durch Lautwandel entstanden ist, in den anderen durch Analogie hergestellt werden. So etwa beim Zusammenfall von Nom. und Akk. in der dt. Deklination. Wenn solcher Zusammenfall sehr weitgeht, kann die ganze morpholog. Strategie aufgegeben werden, und übrig bleiben nur die Stammformen; so in der engl. und roman. Deklination.
§158. Wenn zwei Derivationskategorien sich nur noch durch wenige Formen unterscheiden, stellt sich zwischen diesen freie Variation ein.
XII. Einfluß der Funktionsveränderung auf die Analogiebildung
§159-163. Da die Grundlage der Zuweisung zu einer Gruppe die Funktion ist, führt deren Wandel zur Zuweisung zu einer anderen Gruppe und somit zu einer neuartigen Distribution. Wenn ein Appellativum Proprium wird, nimmt es die entsprechende Deklination an. Wenn ein Kollektivum als Plural aufgefaßt wird, wird dazu ein Singular gebildet (decemvir). Wenn ein Verbum compositum lexikalisiert ist, nimmt es ge-Präfix wie ein Simplex. Ein substantiviertes Adjektiv geht in substantivische Flexion über (die Jünger, Gesandtin). Wenn ein Kasussuffix zum Adverbialisator geworden ist, tritt es auch an Wörtern auf, die dieses Kasussuffix nicht nehmen konnten. Wenn ein Enklitikum mit dem vorangehenden Wort koalesziert, wird nach Analogie einfacher Wörter die Flexion ans Ende verlegt (lat. eum-pse > ips-um, dt. diu-se > diese(r)). Zusammenrückungen werden zu Komposita und sind dann zu allen Prozessen fähig, die auf (einfache) Wörter anwendbar sind.
§164. Flexionsformen erstarren zu Inflexibilia. Selbst und selber sind Flexionsformen des mhd. Adj. selb-. Von einander wurde der zweite Bestandteil im Ahd. noch dekliniert; jetzt ist es indeklinables Zeichen der Reziprozität [gab es dafür ein Vorbild?]. Frz. voici, voilü urspr. Imp. Sg.. Pron. der 3.Ps. erstarrt und anstelle der Personenkongruenz in Wendungen wie seinerzeit. Dito altnord. Medium in allen Personen mit -sk < sik, Reflexivpron. der 3. Ps.
§165. Ein Verb, das seine Bedeutung ändert, gleicht seine Valenz an die neue Bedeutung an: deperire transitiv; einwirken, Einfluß u.a. mit aufstatt in; nachdenken mit über statt dem bloßen Dativ; jemandem etwas verehren in Analogie zu schenken, statt jemanden womit verehren. Auch sonst ändert sich die Konstruktionsweise: quin mit dem Imp., nachdem es kohortative Partikel geworden. Der AcI, dessen Akkusativ sich aus ursprünglicher Objektsfunktion erklärt, auch nach intransitiven Verben und Substantiven oder in Subjektsfunktion, schießlich sogar Relativ- und Konjunktionalsätze im AcI.
§166. Eine gegebene überkommene Konstruktion kann mißverstanden und als im Sinne einer anderen, isofunktionellen Konstruktion gebildet verstanden werden. So wird in Fügungen wie Kieler Sprotten das erste Glied jetzt als Adjektivattribut, nicht mehr als Genitivattribut interpretiert.
XIII. Verschiebungen in der Gruppierung der etymologisch zusammenhängenden Wörter
§167. Etymolog. mag B von A abgeleitet sein; synchron aber kann A als von B abgeleitet interpretiert werden. Weitere Bildungen können dann analog auf diesem Verhältnis aufsetzen. Beispiele:
§168. Starkes Verb und Nomen actionis vom Typ fallen Fall standen ursprünglich als beide aus der Wurzel gebildet nebeneinander. Dagegen ist im Type Haß - hassen ein schwaches Verb aus einem Wurzelnomen abgeleitet. Im Nhd. wird beides als Ableitung des Subst. aus dem Verb interpretiert und bei versuchen - Versuch u.v.a. auch so gehandhabt [Rückbildung oder retrograde Derivation]. Auf diese Weise werden sogar alte Wurzelnomina durch neue Rückbildungen ersetzt.
§169. Wenn ein Derivationsaffix ursprünglich die Wortart A selektierte, kann es auf Wortart B übertragen werden, wenn einzelne Basen sowohl in A als auch in B vorkommen und eine Interpretation aus B semant. Sinn macht oder später die Basis gar in A verlorengeht und nur in B übrigbleibt. Z.B. Adj. auf -ig (gläubig) zunächst nur von Subst., dann auch von Verben. Dito Suffix -er (alt Ritter, jung Reiter). Das Determinans eines Kompositums konnte urspr. nur ein Subst. sein. In einigen wie Spielmann konnte es als Verb interpretiert werden. So entstand Komposition mit verbalem Determinans.
§§170f: Verschiedene Arten der Gliederungsverschiebung in der Wortbildung.
§170. Zwei syntagmatisch kombinierte Derivationsaffixe verschmelzen zu einem, wenn das äußere bes. häufig an Stämme antritt, die das innere enthalten. Die komplexe Derivation wird dann als unmittelbar von der Wurzel gebildet interpretiert (Ableitung zweiten Grades > Ableitung ersten Grades). Beschuldigen ist eigentlich Ableitung von schuldig, kann aber auch auf Schuld bezogen werden. Befriedigen ist schon eine Ableitung auf -igen vom Subst. Friede.
§171. Komposita mit nominalem Determinatum haben ursprünglich den Akzent auf dem ersten, solche mit verbalem Determinatum auf der zweiten Glied: Übergabe - übergeben. Diese sind nicht voneinander abgeleitet. Später treten einige der präpositionaladverbialen Determinantien nur noch in ihrer unbetonten Form vor Verben auf und verlieren ihre Produktivität vor Substantiven (erteilen - Urteil). Dann wird das (komplexe) Verb als Basis für die Bildung des Substantivs genommen: Empfang, mit Akzent auf zweiter Silbe. Komposition mit nominalem Determinans und verbalem Determinatum entsteht durch Uminterpretation von Verben, die aus Nominalkomposita deriviert sind, als Verbalkomposita (handhaben urspr. Handhabe-n, nicht Hand-haben). Ähnlich Komposita wie incorporare (in corporem-VBLZR) durch Uminterpretation einerseits von Ableitungen aus komponierten Nomina (de-formis - deformare), andererseits von Komposita denominaler Verben (greg-are -aggregare).
§172. Verschiebung von Grundbedeutung und abgeleiteter Bedeutung: Kopf urspr. "Napf", wie in Pfeifenkopf; dies jedoch jetzt als Ableitung aus der heutigen Bedeutung von Kopf aufgefaßt.
XIV. Bedeutungsdifferenzierung
§173. Auf verschiedene Weisen entstehen synonyme Wörter, Formen und Konstruktionen. Luxus kann nicht von vornherein vermieden werden, da dies Planung involvieren würde; aber er kann durch Reaktion reduziert werden. Synonymie hält sich nur, wo sie einem Bedürfnis entspricht, z.B. in Rhetorik und Poetik. Im übrigen verschwindet sie auf eine von zwei Weisen: 1. durch Schwund synynomer Wörter aufgrund von "unnützer Überbürdung des Gedächtnisses" (§174); 2. durch Bedeutungsdifferenzierung (§§175-179).
§174. Eines von synonymen Wörtern geht verloren, wenn es seltener vorkommt oder wenn sein Significans zu kurz ist (dare /R donare, dies /R diurnum usw.).
§175. Zwei synonyme Wörter divergieren semantisch ganz von allein, da die Gebrauchsweisen der beiden sich für keinen Sprachbenutzer quantitativ und in der chronologischen Reihenfolge der Erlernung ganz decken. Absichtliche Lautdifferenzierung zum Zwecke der Bedeutungsdifferenzierung gibt es jedenfalls nicht.
§176. In folgenden beiden Fällen liegt keine Bedeutungsdifferenzierung vor: 1. wenn dieselbe Wurzel in verschiedener Form zu verschiedenen Zeiten/aus verschiedenen Sprachen in eine Sprache eingeht (frz. chose - cause); 2. wenn eine grammatische Differenzierung auslösend ist [d.h. wenn zwei Varianten eines Wortes niemals dieselbe grammat. Funktion hatten].
§177. Zahlreiche Beispiele für semant. Differenzierung urspr. synonymer Doppelformen; u.a. Knappe/Knabe, Jungfrau/Jungfer, der/das Schild, engl. brothers/brethren und andere doppelte Pluralbildungen. Dito der/der/deren, den/denen, schaffen/schöpfen, dann/denn. Ferner verschiedene Ableitungen von derselben Basis: Gemeinde/Gemeinschaft/Gemeinheit. Die verschiedene Bedeutung beruht nicht auf einer Bedeutungsverschiedenheit der Suffixe. Es gibt keine Ratio für solche Differenzierung, sie ist zufällig.
§178. Wenn von einer gegebenen Wurzel die Intension der Ableitung A die der Ableitung B inkludiert, geschieht es häufig, daß B auf den von A nicht abgedeckten Teil der Bedeutung beschränkt wird. Wenn ein Wort durch semant. Wandel einen Teil der Bedeutung eines anderen Worts übernimmt, kann das letztere diesen Teil aufgeben. So bes., wenn das erstere (durch Wortbildung oder Entlehnung) neu in die Sprache kommt. So dringt freundschaftlich in die Sphäre von freundlich ein [die vollere, renovierte Form übernimmt Teile der Bedeutung der einfacheren, elementareren Form].
§179. Auch die Festlegung alternativer Flexionsformen auf verschiedene syntaktische Funktionen kann sekundär sein. Z.B. die flektierten vs. unflektierten Formen des Adjektivs auf attributiven vs. prädikativen Gebrauch.
XV. Psychologische und grammatische Kategorie
§180. Die Basis jeder gramm. Kategorie ist eine psycholog. Kategorie [Funktion]. "Die grammatische Kategorie ist gewissermaßen eine Erstarrung der psychologischen." Die Funktion bleibt lebendig auch nach der Grammatikalisierung und stört dann die grammatische Regularität durch `constructio ad sensum'.
§181-184. Geschlecht und Genus:
§181. Basis des Genus tatsächlicher und durch "Phantasie" unterlegter Sexus. Grammatikalisierung zeigt sich in Kongruenz. Genus zuerst und zuletzt im Personalpronomen.
§182. Positive Gründe für die Zuweisung eines bestimmten Genus: 1. Sexus: Mädchen fem., span. el cura; 2. funktionelle Analogie: Angleichung an die übrigen Mitglieder der lexikal. Klasse: Mittwoch mask.; der Genuswechsel kann hier auch zu einer Ersetzung der unpassenden Endung führen: lat. nurus > ital. nuora; 3. formale Analogie: Genuszuweisung gemäß der Endung: prov. papa fem. 4. phantastische, unmotivierte Genuszuweisung als Reaktion auf den Zwang, daß jedes Subst. ein Genus haben muß [Joghurt].
§183. Negative Gründe: 1. Unsicherheit über das Genus wegen nicht-overter Kongruenz: dt. Pl. die Wangen, urspr. neutr. 2. Unpassende Endung.
§184. Neutrum ist Reaktion auf Grammatikalisierung des männl. und weibl. Sexus. Funktionen: 1. Bezug auf beide Geschlechter: Kind. 2. Bezug auf Nicht-Persönliches. Dabei tritt oft Mask. als unmarkierter Term für Persönliches ein, z.B. wer : was.
§185-188. Numerus:
§185. Der grammatische Numerus kann überlagert werden: 1. Mit einem Kollektivum ist die Kongruenz oft pluralisch. Grammat. Numerus kann dadurch Plural werden: Leute, Geschwister. 2. Semant. kollektiver Plural wird als Einheit verstanden und wird singularisch: Weihnachten, lat. litterae > ital. lettera. Dito bei Paaren: Hosen "Schläuche" > Hose.
§186. Bei Generizität und Allquantifikation ist Numerus semant. nicht am Platze; daher freie Variation von Sg. und Pl.
§187. Auch bei Massensubstantiven eigtl. nur Sing. statt numerusloser Form. Allerdings auch Zählung von Massensubstantiven zur Individuation, ebenso wie umgekehrt Vermassung von Individualsubstantiven.
§188. Nach Numerale kein Bedürfnis für Ausdruck des Plurals.
§189-192. Tempus - Aspekt - Aktionsart:
§189. Mit Tempus geht auch "Aktionsart" [Aspekt] durcheinander. Das reine Tempus basiert auf der Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Bezug auf einen Fixpunkt, der im unmarkierten Falle der Sprechzeitpunkt (Gegenwart) ist, aber seinerseits in Vergangenheit und Zukunft verlagert werden kann. Der Aorist gehört nicht in dieses Schema, sondern ist eigtl. der momentane, punktuelle Aspekt. Der Bezugspunkt kann in den Tempora selbst liegen oder - bes. für nicht-indikativische Formen - im übergeordneten Satz gegeben sein; auch - in analytischen Verbformen - im [übergeordneten] Aux.
§190. Das Präsens kommt einer tempusindifferenten Subkategorie am nächsten. Seine Funktionen sind: 1. Absolutes Tempus im generischen Satz. Bei einzelnen spezifischen Satzkomponenten wird die Zeitreferenz eingeschränkt. 2. Habitueller ("iterativer") Aspekt. 3. Referenz auf Zukunft oder Vergangenheit. [In ähnlicher Neutralisation] tritt auch das Haupttempus statt des syntaktisch erwarteten Nebentempus auf: Perf. statt Plusqu. Bes. in infiniten Formen starke Neutralisationserscheinungen.
§191. Das Perfekt ist eigtl. ein Vergangenheitstempus. Seine resultative Bedeutung des erreichten Zustand ist ein `effet de sens'. Dasselbe Verhältnis wie zwischen Präs. und resultativem Perf. besteht auch zwischen [resultativen und Zustands-]Verben wie verstummen - schweigen. Das Perf. der ersteren ist synonym dem Präs. der letzteren.
§192. Tempus interagiert auch mit Modus. Bes. Fut. wird zu oder entsteht aus Imperativ, Potential, Optativ.
§193-195. Diathese:
§193. Funktion des Passivs ist "ein verschiedenes Verhältnis des Prädikatsverbums zum Subj."; wird daher zur Thematisierung des semant. Objekts verwendet. Bei unpersönl. Verben ist Diathese eigtl. nicht am Platze. Regelung im Deutschen: lexikal. unpersönl. Verben aktiv (es regnet), okkasionell unpersönliche Verben passiv (es wird gesagt). In anderen Sprachen diese jedoch auch aktiv (ital. dice "es sagt").
§194. Diathese setzt den Kontrast von Subjekt vs. Objekt voraus. Infinite Verbalformen und Verbalnomina sind urspr. diathesenindifferent. Vgl. das dt. Part. Perf.
§195. Dasselbe Verhältnis wie zwischen Aktiv und Passiv besteht zwischen Kausativ und Intransitiv (griech. apothnesko hupo tinos) und zwischen Aktiv und Pseudoreflexiv (freuen - sich freuen). Beziehung Reflexiv - Medium -Passiv.
XVI. Verschiebung der syntaktischen Gliederung
§196. Möglicher Widerspruch zwischen psychologischer und grammatischer Gliederung des Satzes: von der Grammatik abweichende Abtrennung und Rollenverteilung.
§197. Vielgliedrigkeit wird, bes. in mündlicher Rede, oft auf Zweigliedrigkeit reduziert. Ein syntakt. mehrgliedriger Satz zerfällt [gemäß der FSP] in psychologisches Prädikat [Rhema oder Fokus] und den Rest. Im Rest lassen sich gelegentlich psycholog. Subjekt und Bindeglied (semant. leeres Verb) unterscheiden.
§198. Eine vorangestellte Konstituente kann psych. Subjekt oder Prädikat sein; je nachdem ist sie unbetont oder betont. Ein initiales Anaphorikum -Demonstr. oder Rel. - ist immer psych. Subjekt, ein Interrog. immer Prädikat, dito die im Skopus der Negation und ähnlicher Operatoren stehende Konstituente.
§199. Die FSP-Periphrasen (Satzspaltung, Linksversetzung) sind ein Mittel, um Übereinstimmung zwischen psychologischen und grammatischen Relationen herzustellen.
XVII. Kongruenz
XVIII. Sparsamkeit im Ausdruck
XIX. Entstehung der Wortbildung und Flexion
§225. Es gibt drei Arten der Entstehung etymologischer Gruppen: 1) Spaltung eines Paradigmas dadurch, daß einer bestehenden Allomorphie eine Bedeutungsdifferenzierung folgt; 2) Bildung eines Paradigmas dadurch, daß einer phonologischen Konvergenz eine semant. folgt (Volksetymologie); 3) Komposition. Dies ist die produktivste Art.
§226. Die älteste Schicht der Komposita ist aus dem Idg. überkommen. Die jüngere Schicht entsteht ständig aus syntakt. Verbindungen jeglicher Art (zahlreiche Beispiele): Genitivattribut (Kindergarten), Adjektivattribut (Altmeister), Apposition (Herrgott), Koordination (Baden-Württemberg), PräpS (anstatt), Adverbial+Verb (heimsuchen), Komplement+Verb (lobsingen), Nebensatz (quilibet), parenthetischer Hauptsatz (peut-être), Satz (Vergißmeinnicht) u.v.a.m.
§227. Allmählicher Übergang von syntakt. Fügung zu Kompositum. Ausschlaggebend sind nicht phonolog. Fügungsenge oder Subsumption unter einen Akzent, da dies auch in syntaktischen Fügungen auftritt, sondern vielmehr die beiden Faktoren in §228f.
§228. Erste Voraussetzung ist, daß die "syntaktische Verbindung als Ausdruck eines einheitlichen Begriffs gefaßt werden kann"; und dazu muß das Determinans undeterminiert sein.
§229. Zweite Voraussetzung ist, daß das Ganze gegenüber den konstitutiven Elementen isoliert wird, durch divergierende semant. oder phonolog. Entwicklung oder Schwund der Elemente oder der regelmäßigen Konstruktionsweise. Zum letzteren gehört sowohl die interne Relation (Edelmann nicht nach modernen syntakt. Regeln gebildet) als auch die externe (heute keine genitivischen Adverbialien wie keineswegs mehr). Vollzogene Komposition sieht man auch daran, daß das Wort wie ein einfaches Derivationsbasis sein kann.
§230. Kopulative Verbindungen (Hab und Gut) erweisen sich als Komposita z.B. bei der Attribution (mein Hab und Gut), Deklination (Grund und Bodens, ein und dieselbe).
§231. Determinativkomposita machen häufig eines Bedeutungsspezialisierung durch (Heiligabend), bis hin zu Eigennamen (Hirschberg). Metaphern setzen als interpretationssteuernden Kontext oft ein Kompositum voraus (Löwe für sich nicht metaphorisch, jedoch Ameisenlöwe). - Es gibt übrigens auch Distanzkomposita wie ne - pas, um - willen.
§232. Dem Zusammenwachsen ist eine solche Stellung der Glieder förderlich, bei der eine durch die externe Relation bedingte Flexion nur am Rand der Gruppe auftritt. Daher nur pränominale Genitivattribution > Determinativkomposition. Allerdings nehmen im Nhd. Genitivattribute obligatorisch einen Determinator oder Attribut. Die ererbten Fügungen mit einfachen Genitivattribut, oft sogar noch zwischen einem zum Gesamt-NS gehörigen Det und dem Nukleus (daz Nibelunges swert), isolierten sich daher und wurden als Einheit interpretiert. Ähnlich im Frz., wo moderne Genitivattribution die Präp. de voraussetzt, so daß alte Fügungen ohne dieselbe (Muse Napolon) sich isolieren. [Fraglich, ob hier nicht Ursache und Wirkung verwechselt sind.]
§233. Ähnlich isolieren sich Komposita mit adjektiv. Determinans (Junggeselle), weil moderne Attribution Kongruenz erfordert. Umgekehrt erscheint innere Flexion nicht mehr angebracht, sobald eine Fügung als Kompositum verstanden wird. Moderne Komposition aus Adjektivattribution entweder analog nach dem alten Muster oder mit flektierten Formen (Langeweile). Es werden sogar Derivationen von solchen Fügungen gemacht, noch bevor sie wirkliche Komposita sind (Falschmünzer). Dito als Determinans in Komposita: reitende Artilleriekaserne. Das Problem liegt hier bloß darin, daß in der Deklination das Adjektiv gegen den Sinn mit dem Determinatum kongruiert.
§234. Auch Komposita aus relationalem Adjektiv + Komplement isolieren sich durch Schwund der internen syntakt. Relation (geistesarm).
§235. Die trennbaren Verbkomposita mit adverbialem Determinans (ankommen) haben sich bereits von der syntaktischen Fügung (heran kommen) isoliert. Wegen der Parallele zur Nominalkomposition (Ankunft) wachsen sie am leichtesten in den infiniten Formen zusammen; jedoch auch schon er anerkennt. Ähnlich, wenn das adverbiale Determinans aus einem Adjektiv gebildet ist (weitreichend); hier erweist sich das Zusammenwachsen in der Komparation. Dito bei nominalem Determinans (freisprechen - Freispruch). Hier Gliederungsverschiebung, da Verb + Prädikativum keine Konstituente. Wiederum Komparation (grundlegendste) und Derivation (Grundlegung) von solchen Zusammenrückungen.
§236. Auch Fügungen wie er hat mir's so gut wie versprochen, ein mehr als natürliches Gift zeigen durch die Flexion ihren einheitlichen Charakter. So übrigens auch was für entstanden, wo jetzt der Nukleus nicht mehr Komplement von für ist.
§237. Unklarheit der Grenze zwischen Kompositum und Zusammenrückung zeigt sich auch in folgendem: Determinantien von Komposita werden mit Attributen koordiniert: öffentliche und Privatmittel, oder nehmen Attribute: der Vertragsentwurf mit Deutschland.
§238. Isolierung durch phonolog. Veränderungen: Das Ergebnis phonolog. Regeln, die die Einheit des phonolog. Wortes herstellen, wird gelegentlich in Komposita beibehalten, in der Syntax jedoch rückgängig gemacht: Silbenstruktur (hinein, magnopere, binnen), Assimilation (Hoffart, possum), Akzentverschiebung (jung Hérr > Júnker). Gelegentlich unterliegt auch das Simplex phonolog. Veränderungen, denen ein Determinans wegen des folgenden phonolog. Kontextes nicht unterliegt.
§239. Es gibt ein Kontinuum von der Wortgruppe über das Kompositum zum Etikett. Das Kompositum liegt zwischen den Extremen als eine Konstruktion, die einerseits nicht syntaktisch regelmäßig, aber andererseits noch transparent ist. *hiu tagu > heute, got. fra-itan > fressen, adal-ar > Adler. Die Skala soll allerdings nicht implizieren, daß jedes Kompositum aus einer syntaktischen Fügung verdichtet ist. Im Gegenteil, die meisten sind per Analogie nach existenten Komposita entstanden. Evidenz ist z.B. das falsche Genitiv-s (Regierungsrat).
§240. Auf dieser Skala entwickeln sich auch Kompositionsglieder zu Derivationsaffixen. Dazu muß 1) das andere Kompositionsglied transparent bleiben, das evoluierende Derivationsaffix 2) in vielen gleichartigen Komposita vorkommen und 3) eine hinreichend allgemeine Bedeutung haben. Z.B. X-lich < X-lîko "von einer X-Gestalt", was sich von Leiche vollständig isoliert. Dito urgerm. *skauniz hai_us "schöne Eigenschaft" > ahd. scônheit > Schönheit. So auch heute noch, z.B. seltsamerweise. Das Stadium des Derivationsaffixes ist erreicht, wenn die ursprüngliche Bedeutung nicht mehr vorhanden ist: -bar "tragend" zwar noch in fruchtbar, aber nicht in vereinbar.
§241. Dieselben Vorgänge schon in vorgeschichtlicher Zeit. "Die Entstehung neuer Suffixe steht in stetiger Wechselwirkung mit dem Untergang alter." Schönheit verdrängt Schöne.
§242. Auf dieselbe Weise entstehen Flexionsaffixe.
§243. Methodolog. Konsequenzen für die Rekonstruktion des Indogermanischen: 1. Die Flexionsformen sind nicht unbedingt durch Agglutination von syntaktischen Konstruktionen, sondern in Analogie zu bestehenden Formen entstanden. 2. Selbst wenn sie durch Agglutination entstanden sind, sind die synchron erscheinenden Affixformen nicht gleich den ursprünglich selbständigen, sondern durch die obigen Prozesse aus solchen entstanden. 3) Es gibt nicht ein Phase der Schöpfung und dann eine Phase der Veränderung.
XX. Die Scheidung der Redeteile
XXI. Sprache und Schrift
§262. Schrift ist gegenüber Rede sekundär; hat wichtige Rolle in Sprachgeschichte; hat nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile gegenüber Rede.
§263. Schrift kann Laut grundsätzlich nicht adäquat wiedergeben, weil dieser sowohl syntagmatisch als auch paradigmatisch kontinuierlich.
§264. Zweck einer funktionellen Nationalschrift ist nur, die geltenden funktionellen Unterschiede zu symbolisieren. Allophonische Variation bleibt unberücksichtigt.
§265. Viele Alphabete bleiben hinter dieser Minimalanforderung zurück oder machen redundante Unterscheidungen, weil sie entlehnt sind oder die Sprache sich gewandelt hat.
§266. Wegen der unvollkommenen Wiedergabe des Lautes durch die Schrift ist es unmöglich, eine Fremdsprache nur auf der Basis der Schrift zu erlernen; man substituiert unweigerlich die eigenen Laute.
§267. Wegen der phonetischen Variation zwischen Dialekten haben die Buchstaben in benachbarten Dialekten verschiedenen Lautwert. Da die Schrift konservativ ist, verdeckt sie dialektale Variation in etymologisch verwandten Wörtern. Sie eignet sich daher zur kommunikativen Überbrückung von Dialektunterschieden, aber nicht dazu, die Aussprache zu beeinflussen.
§268. Da jeder Buchstabe die zur jeweiligen Zeit übliche Aussprache symbolisiert, bleibt er gegen phonologischen Wandel unempfindlich und hemmt ihn auch nicht. Außerhalb phonologischer Untersuchungen gibt es daher kein Mittel, auf der Basis der Schrift etwas über die Aussprache früherer Sprachstadien zu wissen.
§269. Zunächst gibt es eine direkte Assoziation zwischen Laut und Buchstabe und somit eine indirekte über die Bedeutung. Bei mehr Übung macht diese einer direkten Assoziation von Schrift und Bedeutung Platz. Daher ist in früheren Zeiten, wo die Schrift noch nicht so gewohnt und die Orthographie noch nicht so reglementiert war, die Wiedergabe der Laute oft genauer.
§270. Direkte Assoziation von Bedeutung und Schreibung und konstante Orthographie bedingen sich gegenseitig. Je konstanter die schriftliche Wiedergabe eines Wortes, desto direkter ihre Assoziation mit der Bedeutung. Diese Konstanz wird im Laufe der Geschichte normalerweise stärker. Konstanz setzt sich auf drei Weisen durch: 1. Beseitigung des Schwankens zwischen alternativen Schreibweisen, 2. Berücksichtigung der Etymologie, 3. Konservatismus gegenüber Lautwandeln. Daneben gibt es allerdings auch widerstreitende Tendenzen zu größerer Lauttreue. Analogie zwischen phonologischem und orthographischem Wandel.
§271. Ad §270, 1: Die Schwankung kann bereits bei der Schriftentlehnung mitübernommen werden oder durch Neutralisation einer ursprünglichen phonolog. Opposition oder durch divergierende Schriftentwicklung entstehen. Sie kann durch Verlust einer Alternative oder durch Funktionsdifferenzierung (auch Distributionsdifferenzierung) oder adhocische Verteilung der Alternativen auf die Wörter beseitigt werden [im letzteren Falle bleibt die Schwankung allerdings auf systematischem Niveau bestehen]. Auf die letztere Weise werden auch Homophone differenziert. Beweis der Verselbständigung der Schrift gegenüber der Sprache.
§272. Ad §270, 2: Orthographische Ausgleichung auf etymologischer Basis ist auf Orthographie beschränkte Analogiebildung. So wird etwa Auslautverhärtung jetzt nicht mehr in der Schrift wiedergegeben; /E/ wird <ä> geschrieben bei etymologischer Beziehung zu /a/.
§273. Ad §270, 3: Wegen ihres diskontinuierlichen Charakters kann die Schrift sich den phonolog. Wandeln nicht anpassen. Sie muß das allerdings auch nicht, wenn ein Laut sich in allen Stellungen ohne Zusammenfall mit einem anderen verändert.
XXII. Sprachmischung
XXIII. Die Gemeinsprache
Register