Leonard Bloomfield 04.08.2026

Lebensdaten

ZeitOrtEreignis
1.4.1887 Chicago geboren als Sohn der Juden Sigmund und Carola Buber Bloomfield; Neffe des Maurice Bloomfield, Prof. of Sanskrit and Comparative Philology at Johns Hopkins University, Baltimore.
1903 Boston immatrikuliert in Harvard College
1906 Boston graduiert zum A.B.
Madison Assistant in German at Univ. of Wisconsin, graduate studies bei Eduard Prokosch. Entscheidung für linguistische Laufbahn.
1908 Chicago Assistant in German und Graduate Studies at Univ. of Chicago.
1909 Promotion unter Francis A. Wood mit "A semasiologic differentiation in Germanic secondary ablaut".
18.3.1909 Chicago Heirat mit Alice Sayers.
1909/10 Cincinnati Instructor in German, University of Cincinnati.
1910-13 Urbana Instructor in German, German Department, University of Illinois
1913/14 Leipzig und Göttingen im WS Studien der historisch-vergleichenden SW junggrammatischer Art bei A. Leskien und K. Brugmann
1914 Göttingen im SS Studien der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft bei Jacob Wackernagel und der Indologie und Iranistik.
1913-21 Urbana Assistant Professor of Comparative Philology and German, University of Illinois (wofür das Studium in Deutschland Voraussetzung war)
1921-27 Columbus Professor of German and Linguistics, Ohio State University; Kollege des Behavioristen Albert P. Weiss.
1924 Gründungskomitee der Linguistic Society of America, mit George M. Bolling und Edgar H. Sturtevant.
1927-40 Chicago Chair of Germanic Philology, University of Chicago.
1935 Präsident der LSA
1940 New Haven, Conn. Sterling Professor of Linguistics, Yale University (als Nachfolger von Sapir)
27.5.1946 New Haven Schlaganfall, der zu Arbeitsunfähigkeit führt
18.4.1949 New Haven gestorben

Person und Werk

Zunächst nur Arbeiten in germanischer und indogermanischer Phonologie und Morphologie. Spezialist in Germanisch, Indisch, Slavisch, Griechisch.

Seit 1922 umfangreiche Arbeiten an den Algonkin-Sprachen. Erschloß mithilfe der junggrammatischen historisch-vergleichenden Methode aus vier Algonkin-Sprachen das Ur-Algonkin.

Hauptwerke

An introduction to the study of language, 1914

Tagalog texts, 1917

"A set of postulates for the science of language", 1926

Language, 1933. (Online verfügbar.)

“Menomini morphophonemics”, 1939

Outline guide for the practical study of foreign languages, 1942

The Menomini language, 1962 (posthum).

Die Introduction von 1914 schließt noch explizit an Wundts Völkerpsychologie an. Aufgrund von Weiss kommt Bloomfield aber 1924 zum Behaviorismus. Er vertritt Mechanismus, Determinismus gegen den Mentalismus, um Objektivität gegen Aberglauben zu sichern. Er tritt für die Unabhängigkeit der Linguistik von Psychologie, Philosophie, Metaphysik ein und bemüht sich, Linguistik zu einer Wissenschaft (‘science’, d.h. einer Naturwissenschaft) zu machen.

Das Buch Language ist Bloomfields Hauptwerk. Es ist, ähnlich wie Gabelentz' Sprachwissenschaft und anders als Sapirs Language, als umfassende elementare Einführung in den Gegenstandsbereich gedacht. Es führt mit einer bewundernswerten Präzision, Rigorosität und Systematizität alle linguistischen Analysebegriffe, insbesondere alle grammatischen Begriffe, explizit auf rein strukturaler Grundlage ein. Zur Illustration werden überwiegend englische, daneben Beispiele aus geläufigen europäischen, gelegentlich auch solche aus nicht-indogermanischen Sprachen benutzt. Das Buch übermittelt das gesamte traditionelle linguistische Wissen, so wie es z.B. in H. Pauls Prinzipien steht, aber völlig im strukturalistischen Sinne durchsystematisiert.

Zentrale Thesen

It is a serious mistake to try to use this meaning (or any meanings), rather than formal features, as a starting-point for linguistic discussion. (p. 172)
Our /211/ aim is to get, in the long run, the simplest possible set of statements that will describe the facts of the English language.

Rezensionen von Bloomfields Language

A. Meillet:
Zu wenig Theorie, reine Fakten; z.B. nichts über allgemeine und historische Bedingungen des Lautwandels, über Substrat. Zu enger Begriff von normalem Lautwandel: nicht aller Lautwandel ist graduell.

E. Sturtevant:
"the best available introduction to language science." Zu viele terminologische Neuerungen. Nicht aller Lautwandel ist graduell.

G.M. Bolling:
Bloomfield basiert auf Paul und ist der erste Fortschritt seitdem, vor allem in zwei Punkten:
1. deskriptiv statt historisch;
2. rein linguistisch, ohne Psychologismus [als ob er Bloomfields Rezension von Sapir 1921 gelesen hätte].

A. Debrunner:
Das Buch sei logizistisch. Nicht aller Lautwandel ist graduell.

Rückblickend kann man sagen, daß die meisten Rezensenten – überwiegend Indogermanisten – sich auf solche Punkte wie Lautwandel kapriziert haben, die für das Buch ziemlich nebensächlich sind, und Bloomfields Leistung, die in der rigorosen Anwendung der strukturalen Methode besteht, nicht erkannt haben.

Bedeutung und Nachwirkung

Bloomfield ist neben Sapir erster Vertreter der synchronisch-deskriptiven Linguistik in Amerika1 und führender amerikanischer Linguist seiner Zeit. Begründet, als Nachfolger Sapirs, die Yale School, die dann sein Schüler B. Bloch weiterführt. Bloomfield dominiert in den USA bis zum Aufstieg von Harvard (Jakobson/Halle) und MIT (Chomsky).

Starkes Engagement für praktische Anwendungen der Linguistik in Lese-Schreib-Unterricht und Fremdsprachenunterricht, bes. im Intensive Language Program (1941ff).

Bloomfield begründet mit seinem Werk, besonders durch Language, die Hauptströmung der amerikanischen Linguistik im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts, den nachmals so genannten taxonomischen Strukturalismus. Er konzipiert Linguistik positivistisch nach dem Vorbild der Naturwissenschaften. Er legt die Grundbegriffe der Sprachbeschreibung in höchster methodischer Strenge und Geschlossenheit dar. Begründet die Konstituentenstrukturgrammatik. Der Distributionalismus knüpft an ihn an.

Language war das einflußreichste linguistische Buch in Amerika bis Aspects of the theory of syntax. Die us-amerikanische Linguistik des 20. Jh., sowohl die generative Grammatik als auch der Funktionalismus, fußt entscheidend auf diesem Werk und ist ohne es nicht denkbar.

Die hauptsächlichen Vertreter von Bloomfields Lehre waren Bernard Bloch, Henry A. Gleason, Robert A. Hall jr., Zellig S. Harris, Archibald A. Hill, Charles F. Hockett, Martin Joos, George L. Trager, Rulon S. Wells. Die meisten davon (außer Hockett) rigidifizierten Bloomfields Lehre. Bloomfield hatte

  1. die Bedeutung/Semantik nicht ausgeschlossen, nur ihre Erforschung für eine Sache anderer Wissenschaften erklärt;
  2. die Erforschung des Sprachsystems nicht auf Phonologie und Morphologie, mit Ausschluß der Syntax, reduziert;
  3. sprachliche Elemente nicht ausschließlich durch ihre Distribution beschreiben wollen;
  4. nicht auf der mechanischen Anwendbarkeit seiner Analysemethoden bestanden.

Seine Epigonen taten dies alles. Das Bedürfnis zur Mathematisierung (Punkt 3) kulminierte in Harris, der allerdings auch Punkt 2 zurechtrückte. Der Bloomfieldianismus hat eine Abneigung gegen Theoriebildung, ersetzt Theorie durch Methode (Datenmanipulation).

Seit 1941 ist R. Jakobson in den USA tätig und bildet, zunächst auf dem Gebiet der Phonologie, zunehmend ein Gegengewicht gegen den Bloomfieldianismus.

Schriftenverzeichnis (Auswahl)

Bloomfield, Leonard 1914, An introduction to the study of language. New York: . Reprint: Amsterdam: J. Benjamins (ASTHoLS, Ser. 2: Classics in Psycholinguistics, 2), 1983.

Bloomfield, Leonard 1917, Tagalog texts with grammatical analysis. 3 vols. Urbana, Ill.: University of Illinois Press.

Bloomfield, Leonard 1926, "A set of postulates for the science of language." Language 2:153-164. Abgedr.: IJAL 15, 1949:195-202; Saporta, Sol & Bastian, J.R. (eds.) 1961, Psycholinguistics. A book of readings. New York: Holt, Rinehart & Winston; 26-33.

Bloomfield, Leonard 1927, "Literate and illiterate speech." American Speech 2:432-439.

Bloomfield, Leonard 1930, "Linguistics as a science." Studies in Philology (North Carolina University) 27:553-557. Abgedr.: Bloomfield 1970:227-230.

Bloomfield, Leonard 1933, Language. New York: Holt, Rinehart & Winston. London: George Allen & Unwin. 2. ed. 1935.

Bloomfield, Leonard 1935, "Linguistic aspects of science." Philosophy of Science 2:499-517. 10. impr.: Chicago: Univ. of Chicago Press (International Encyclopedia of Unified Science, 1, 4), 1969.

Bloomfield, Leonard 1939, "Menomini morphophonemics." Travaux du Cercle Linguistique de Prague 8:105-115.

Bloomfield, Leonard 1942, Outline guide for the practical study of foreign languages. ___

Bloomfield, Leonard 1970, A Leonard Bloomfield anthology ed. by Charles F. Hockett. Bloomington: Indiana UP.

Sekundärliteratur

Esper, Erwin A. 1968, Mentalism and objectivism in linguistics. The sources of Leonard Bloomfield's psychology of language. New York: American Elsevier (Foundations of Linguistics, 1).

Koerner, E.F. Konrad 1970, "Bloomfieldian linguistics and the problem of `meaning'. A chapter in the history of the theory and study of language". Jahrbuch für Amerikastudien 15:162-183.

Teeter, Karl V. 1969, "Leonard Bloomfield's linguistics." Language Sciences 7:1-6.


1 Das gilt in der Tat für den ganzen Kontinent, da die Linguistik in seinen anderen Ländern erst später begann.