Entlehnung

Wie oben dargestellt, führt Sprachkontakt zu Konvergenz. Sprachkontakt setzt die Gleichzeitigkeit (oder mindestens zeitliche Überlappung), aber nicht notwendigerweise geographische Nachbarschaft zweier Sprachen voraus. Gerade im Zeitalter der Telekommunikation ist diese weitgehend irrelevant geworden. Der Sprachkontakt findet nicht an den Landesgrenzen, sondern in den Köpfen mehrsprachiger Menschen statt. Er führt zu Entlehnung von einer Sprache in die andere, aber auch zu Interferenz (s.u.) zwischen den beiden.

Im Prinzip können sprachliche Einheiten und Strukturen aller sprachlichen Ebenen entlehnt werden. Die Entlehnung von Wörtern (i.S.v. Lexemen) ist freilich mit Abstand am häufigsten. Die folgende Tabelle zeigt als Beispiel lexikalische Entlehnungen, die drei romanische Sprachen zu Zeiten der germanischen Herrschaft aus dem Fränkischen und Gotischen getätigt haben.

Germanische Lehnwörter in romanischen Sprachen
germanisch kastilischitalienischfranzösischBedeutung
ahd. her(i)bergaalberguealbergoaubergeHerberge
*bier-birrabièreBier
blankblancobiancoblancweiß
frankfrancofrancofrancfrei
rīkricoriccorichereich
roberoparobarobeKleid
got. *spáura
fränk. *sporo
espuerasp(e)roneéperonSporn
wardguardiaguardiagardeWache
*werreguerraguerraguerreKrieg

Wörter werden auch leicht von Sprache A nach Sprache B und von dort nach C usw. entlehnt. Z.B. gelangte das arawakische Wort hamaca in dieser Form ins Spanische und von da, in der Form Hängematte, ins Deutsche. Wörter mit dieser Art von Schicksal heißen Wanderwörter.

Häufig werden auch grammatische Formative entlehnt, z.B. spanische Konjunktionen in amerindische Sprachen oder das lateinische Derivationspräfix in- ins Deutsche (z.B. in Bildungen wie inhomogen statt traditionell heterogen).

Auch Konstruktionen werden entlehnt:

Bedeutungsentlehnung (oder semantische Entlehnung oder Begriffsübernahme) ist wie folgt definiert: In der Gebersprache LG gibt es einen Ausdruck AG, zu dessen Bedeutung die semantischen Aspekte S1 und S2 gehören. Die Nehmersprache hat einen Ausdruck AN, zu dessen Bedeutung ebenfalls S1 gehört (der folglich insoweit bereits zu AG übersetzungs“äquivalent” ist). Dann ist Bedeutungsentlehnung die Assoziation von AN mit S2.

Die folgende Tabelle enthält ein paar Beispiele von Bedeutungsentlehnung von Englisch nach Deutsch.

Bedeutungsentlehnung vom Englischen ins Deutsche
EnglischDeutsch
AusdruckAusdruckurspr. Bedeutungentlehnte Bedeutung
allowerlauben(jmd. etw.) gewähren“zulassen”
forbidverbieten(jdm. etw.) nicht gewähren“nicht zulassen”
althoughobwohlobschon“allerdings”
anthropologyAnthropologieMenschenkunde“Völkerkunde, Ethnologie”
nounNomendeklinierbares Wort“Substantiv”
phrasePhrasehohle Redensart“kontinuierliches Syntagma”
shareteilenin Teile separieren“weitergeben, teilhaben lassen”1
warnwarnenauf negative Folgen eines imminenten Ereignisses
aufmerksam machen
“aufmerksam machen”2

1 Z.B. bedeutet by sharing free living space “indem man freien Wohnraum anderen überlässt”. Die deutsche Übersetzung “indem du deinen freien Wohnraum teilst” (AirBnB, 27.09.21) würde hingegen bis ins zweite Drittel des 20. Jh. ausschließlich bedeutet haben, dass der freie Wohnraum unterteilt wird.

2 Z.B. ist "the captain will sound the ship’s horn to warn you to return to the ship" (Tourbeschreibung 2017) gutes Englisch. "Der Kapitän wird die Schiffssirene betätigen, um Sie davor zu warnen, zum Schiff zurückzukehren" besagt das genaue Gegenteil.

Ein etwas komplexerer (hier leicht vereinfachter) Fall ist der folgende: Das urgermanische Wort bank “längliches Möbel mit ebener Oberfläche” wird von den Langobarden nach Italien gebracht. Das Möbel wird von den Italienern zum Geldhandel benutzt, und es entsteht ital. banco “Laden für Finanzgeschäfte”. Diese Bedeutung hinwiederum wird bereits im Mittelhochdeutschen nun auch dem deutschen Wort Bank verliehen.

Wenn Entlehnungen in der Rede des einzelnen Bilingualen stattfinden, ohne daß er sie notwendigerweise kontrolliert, spricht man von Interferenz der anderen Sprache in der gerade gesprochenen Sprache. Interferenzen können in Sprachkontaktsituationen durchaus der Auslöser für dauerhafte Entlehnungen werden.

Entlehnungen von L1 nach L2 könnnen ein Ausmaß annehmen, daß ein großer oder sogar der größte Teil des Vokabulars von L2 aus L1 stammt. Man bezeichnet L2 dann auch als Mischsprache. Englisch z.B. ist eine solche (germanisch-romanische) Mischsprache; denn der Erbwortschatz entstammt zwar dem Angelsächsischen, aber mehr als die Hälfte des Vokabulars kommt nicht daher, sondern aus dem Französischen, Lateinischen und Dänischen.

In einem solchen Fall erbringt ein Vergleich semantisch ähnlicher Wörter aus L1 und L2, daß in einem erheblichen Prozentsatz solcher Paare das L2-Wort ein ähnliches Significans wie das L1-Wort hat. Ein beliebiges Beispiel mit L1 = Englisch und L2 = Französisch wäre W1 = alley und W2 = allée. Man kann auch, wie von der historisch-vergleichenden Methode gefordert, Lautentsprechungsregeln formulieren. Sie decken allerdings nicht alle Morpheme der beteiligten Sprachen ab, so daß man immer noch Lehnverwandtschaft von genetischer Verwandtschaft unterscheiden kann.

Lehnwörter werden oft in der Nehmersprache “verunstaltet”, weil diese halt ein anderes System als die Gebersprache hat. So ist dem japanischen [ɸɯpɯ] “Reifen” nicht auf den ersten Blick anzusehen, daß es eine Entlehnung des englischen hoop ist. Aber das ist bloß der Gesichtspunkt im Zeitpunkt der Entlehnung. Von da an existiert das Wort in beiden Sprachen und ist dort dem Wandel unterworfen, der in ihnen stattfindet. Da kann es nun leicht sein, daß in der Gebersprache Wandel stattfinden, die das betreffende Wort völlig verändern, während die Nehmersprache in bezug auf die betreffenden Eigenschaften konservativ ist und schließlich das Wort in einer ursprünglicheren Form bewahrt als die Sprache, aus der sie es hat. Die griechische Landeshauptstadt hieß auf Altgriechisch /atʰe:nai/. Heute heißt sie /aθini/, auf Deutsch allerdings [aˈtʰeːn]. Wie man sieht, bewahrt das Deutsche den ersten Konsonanten und den folgenden Vokal originalgetreuer als die Ursprungssprache. Das lateinische Wort Caesar ergibt im Italienischen /ʧesare/, und ähnlich in den anderen romanischen Sprachen. Im Deutschen allerdings erscheint es in Gestalt des Lehnwortes Kaiser. Der anlautende Konsonant und der folgende Diphthong sind da bis heute so, wie sie im Lateinischen waren.

Methodisch folgt daraus, daß man bei der Rekonstruktion der ursprünglichen Verhältnisse einer Sprache oft mit Gewinn Entlehnungen heranzieht, die ihre Nachbarsprachen aus ihr bezogen haben.

Substrat – Superstrat – Adstrat

Eine geläufige Klassifikation von Sprachkontaktsituationen ist die in Substrat- vs. Superstrat- und Adstratverhältnisse:

Substrat, Superstrat, Adstrat

Wenn Sprache L1 die native Sprache einer Gemeinschaft ist und Sprache L2 als die Sprache derjenigen, die die Macht haben, eingeführt wird, so ist L1 die Substratsprache (oder einfach das Substrat) von L2, und L2 ist die Superstratsprache (oder einfach das Superstrat) von L1. Beispiel: Nachdem Gallien von Julius Cäsar erobert worden war, war dort Gallisch Substrat, Lateinisch Superstrat.

L2 ist eine Adstratsprache (oder einfach ein Adstrat) von L1, wenn ein Teil der Sprachgemeinschaft von L1 auch L2 spricht, ohne daß ein klares Machtgefälle zwischen den Sprachen in der Sprachgemeinschaft von L1 herrschte. Z.B. ist Englisch ein Adstrat in der deutschen Sprachgemeinschaft.

Diese Begriffe sind historisch zu verstehen in dem Sinne, daß ein Superstrat-Substratverhältnis und ein Adstratverhältnis normalerweise an eine bestimmte historische Situation gebunden ist.

Infolge der Machtverhältnisse setzt sich eine Superstratsprache auf lange Sicht oft gegenüber der Substratsprache durch und verdrängt diese vollständig. So ist es z.B. in Lateinamerika im Verhältnis zwischen Spanisch und Portugiesisch als Superstratsprachen und den Indianersprachen als Substratsprachen in den meisten Fällen bereits passiert. Gelegentlich freilich nehmen die Eroberer die Substratsprache an; so etwa die Goten zum Ausgang des Altertums in Spanien.

In einem Substrat-Superstrat-Verhältnis findet oft extensive Entlehnung statt. Ein extremes Beispiel ist der im vorigen Abschnitt erwähnte Einfluß des normannischen Französisch auf das Englische am Ende der normannischen Herrschaft in England (1066 – ~1350). Während dieser Zeit wurden ca. 10.000 Wörter vom französischen Superstrat ins Englische entlehnt, wodurch auch neue Phoneme wie /ǰ/ in die Sprache kamen. Dazu kommen auch grammatische Entlehnungen, z.B. die Steigerung des Adjektivs mit more und most (nach dem Muster von frz. plus, le plus). Englisch ist danach so stark von Französisch durchdrungen, daß man, wie oben bemerkt, von einer germanisch-romanischen Mischsprache spricht. Der folgende Text ist eine linguistische Stilübung, die zeigt, daß man sich in der englischen Sprache alternativ germanisch (angelsächsischer Herkunft) oder romanisch (französischer Herkunft) ausdrücken kann.

Englischer Text mit angelsächsischem und normannischem Vokabular
AngelsächsischNormannisch
Though, for some hundred of years, English folk - headed by the best songsters of the land - have been seeking to shake off the Norman yoke that lies so heavy on their speech, yet what many speakers and writers, even today, call English is no English at all but sheer French. Nevertheless there are many who feel not a little ashamed of the needless loanwords in which their speech is clothed, and of the borrowed feathers in which they strut - Despite the fact that during several centuries English people - captained by the chief poets of the country - have attempted to escape the Norman yoke which exerts so ponderous a constraint on their language, the idiom many orators and literary people, even at present, style English, is by no means English, but purely French. Despite this, numerous individuals are considerably abashed by the unnecessary adopted terms in which their language is dressed and the alien plumes in which they parade -

Aus Warburg, Jeremy 1964, "Some aspects of style." Quirk, Randolph & Smith, A.H. (eds.), The teaching of English. London: Oxford University Press (Language and Language Learning, 3); 36-59; S. 41.

Latein als Adstrat der romanischen Sprachen

(nach Tagliavini 1972:325-332)

Die romanischen Sprachen haben sich aus dem Vulgärlatein kontinuierlich entwickelt. Doch während dies geschah, hat auch das Lateinische weitergelebt, wenn auch ohne wesentliche eigene Entwicklung, da es darum ging, das klassische Latein zu konservieren. Es wurde vor allem von den Kulturträgern, i.w. dem Klerus und anderen Akademikern, tradiert. Es war von Anfang an bis auf den heutigen Tag Quelle von Entlehnungen. Wiewohl diese von Gebildeten gemacht wurden, gingen doch viele von ihnen in die Volkssprache ein.

Die Entlehnungen aus dem Lateinischen betreffen alle Ebenen des Sprachsystems: Lexikon, Grammatik (insbesondere Syntax und Derivation), Phonologie. Dies führt im Lexikon aller romanischer Sprachen zu Dubletten von "allotropen" Wörtern, die dieselbe lateinische Wurzel haben, aber auf verschiedenen Wegen in die roman. Sprache gelangt sind:

Ein untrügliches Merkmal, an dem man lateinische Entlehnungen in romanischen Sprachen erkennen kann, gibt es nicht. Die bestehenden linguistischen Anhaltspunkte ergeben sich daraus, daß die romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein bzw. dem Gemeinromanischen hervorgegangen sind, während die späteren Entlehnungen nicht hieraus, sondern aus dem klassischen Latein stammen. Hiernach gibt es phonologische, morphologische, stilistische und semantische Kriterien, an denen man Latinismen erkennen kann.

Sprachbund

An einer Sprachkontaktsituation können mehrere Sprachen beteiligt sein. Wenn sich in einem Areal immer wieder Merkmale einer Sprache über die anderen ausbreiten (im Sinne der Wellentheorie), konvergieren diese Sprachen im Laufe ihrer Geschichte, und es entsteht ein Sprachbund (engl. linguistic area). Der am längsten und besten bekannte ist der Balkansprachbund:

Balkansprachbund

Zum Balkansprachbund gehören folgende Sprachen:

Griechisch war im Mittelalter Verkehrssprache (lingua franca) des Balkans.

Merkmale des Balkansprachbunds
MerkmalVerbreitung
postnominaler Artikelim Griechischen nur in Dialekten
subordinierter Satz im Konjunktiv statt Infinitiv(konstruktion)auch im Kalabresischen
Synkretismus von Genitiv und Dativ
analytisches Futur durch ‘wollen’ + Nebensatz
Evidentialis
Numeralia 11 - 19 nach dem Schema ‘X über 10’

Andere Sprachbünde sind die Sprachen Südasiens, woran vor allem die indoarischen, dravidischen und Mundasprachen beteiligt sind, und die Sprachen Mesoamerikas, wozu besonders Maya- und Otomanguesprachen gehören. Für den Begriff des Sprachbundes ist es ebenso wie für Sprachkontakt überhaupt irrelevant, ob die beteiligten Sprachen genetisch verwandt sind. Die Mitglieder des Balkansprachbundes sind alle indogermanisch, wenn sie auch zu fünf Subfamilien gehören. Die am südasiatischen und mesoamerikanischen Sprachbund beteiligten Sprachfamilien sind nicht miteinander verwandt.

Aufgaben

Übungsaufgabe: Wortgeschichte und aspirierte Okklusive

Übungsaufgabe: altgriechische Ortsnamen

Übungsaufgabe: Substrate des Englischen