Lautverändernde Prozesse werden vulgo oft als “Ausspracheanpassungen” verstanden; es kursieren – z.B. im Sprachunterricht – Meinungen wie “in Wörtern wie wolkig wird das g am Ende wie [ç] gesprochen, damit man es leichter [oder: überhaupt] aussprechen kann”. Es ist wichtig, solche Auffassungen gründlich zu revidieren. Zwar gibt es phonetische Prozesse, die in der Tat dem Sprecher die Mühe erleichtern. Dazu gehören z.B. Assimilationen wie die des ersten /n/ in hingehen [ˈhɪŋgeːn]. Und allgemeiner gesehen trifft es auch zu, daß Phonologen für phonologische Prozesse grundsätzlich eine phonetische Motivation suchen.
- Aber erstens muß diese nicht unbedingt in Ausspracheerleichterung bestehen. Zahlreiche Silbenstrukturprozesse sind zwar phonetisch motiviert, haben aber nichts mit Aussprachvereinfachung zu tun.
- Und zweitens wird bei zahlreichen phonologischen Prozessen überhaupt keine phonetische Motivation gefunden. Das gilt für die eingangs erwähnte Frikativierung gewisser auslautender /g/s im Deutschen oder für die italienische Konsonantenstärkung vom Typ arrivederci (aus a rivederci).
Es ist wichtig zu sehen, daß es zwar phonetische Prozesse gibt, die aus physikalischen Gründen universal oder jedenfalls weit verbreitet sind, daß es daneben aber zahlreiche phonologische Prozesse gibt, die einfach innerhalb eines bestimmten Sprachsystems so und so geregelt sind, ohne daß sich dafür eine Motivation außerhalb des Systems fände.