Für die folgende Gliederung der Strata dient Galloromanisch als Bezugspunkt (welches ja seinerseits ein Superstrat für Gallisch ist). Hier eine Frankreichkarte zur historisch-geographischen Orientierung:
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| Copyright: Bibliographisches Institut Mannheim (Farbiges Großes Volkslexikon, 1981, s.v. Frankreich). |
Vor der Indogermanisierung Europas wurde in Gallien eine Reihe von historisch kaum greifbaren Sprachen gesprochen. Dazu gehören Ligurisch, eine nicht klassifizierte Trümmersprache an der Mittelmeerküste, und Aquitanisch (in Südwestgallien). Sie können, müssen aber nicht mit dem Protobaskischen zusammenhängen, das seinerseits nur in Topo- und Hydronymen erhalten ist.
Diese vorindogermanische Sprachenlandschaft wird durch die Kelten überlagert, deren sich in Gallien etablierender Zweig Gallier heißt. Allgemeines zum Gallischen und zu den keltischen Lehnwörtern in romanischen Sprachen hier. Tatsächlich können vergleichsweise wenige französische Wörter sicher als Lehnwörter aus dem Gallischen identifiziert werden. Darunter sind die Namen aller großen Flüsse.
Als die Angelsachsen in Großbritannien einfielen und die Kelten dort verdrängten, flohen - zwischen 430 und 600 - viele über den Kanal in die Bretagne. Ob sie dort noch Gallischsprecher vorfanden, ist strittig. Jedenfalls sind die Bretonen, als letzte Sprecher einer keltischen Sprache im heutigen Frankreich, dort nicht autochthon.
Die Romanisierung Galliens hatte zwei Phasen: Im Süden gründeten die Römer bereits ab ca. 150 v.Ch. ihre ‘provincia’ um das griechische Marsilia herum, die später i.w. das ganze Gebiet einnahm, das heute noch Provence heißt. Der ganze Rest Galliens jedoch wurde erst nach Cäsars Eroberungsfeldzug, also erst 100 Jahre später, romanisiert. Hier hinkte also die Romanisierung mindestens zu Beginn derjenigen Iberiens um ca. 150 Jahre hinterher. Die Gallier holten rasch auf, indem sie innerhalb weniger Generationen das Gallische zugunsten des Lateins aufgaben; um 500 starb ersteres aus. Aber als sie so weit waren, war die römische Kultur bereits brüchig. Damit hängt es zusammen, daß sie ein weiter entwickeltes Latein lernten als die Iberer und daß es keine römischen Schriftsteller aus Gallien gibt.
Die starken Veränderungen des Französischen gegenüber dem Urromanischen sind oft dem gallischen Substrat zugeschrieben worden. Man hat sogar gesagt, das Französische sei eine Kreolsprache mit Gallisch als Substrat und Latein als Lexifikator. Da das Substrat unzureichend bekannt ist, muß das Spekulation bleiben.
Seit der Gründung Massilias durch die Griechen war das Griechische Adstrat des Gallischen, dann des Galloromanischen. Hier noch einmal die Tabelle mit griechischen Lehnwörtern in den romanischen Sprachen.
Die Rolle des Lateinischen als Adstrat kommt im nächsten Kapitel zur Sprache.
Spätestens seit Cäsars Kriegen in Gallien, dann intensiver seit der römischen Kolonisierung des Rheintals und des südlichen Germaniens, und schließlich gezwungenermaßen zur Völkerwanderungszeit, hatten Römer und Germanen dauerhaften Sprachkontakt. Die Römer lernten jedoch, mit Ausnahme des Griechischen, nie Fremdsprachen. Lateinisch-germanischer Bilinguismus war ausschließlich eine Sache der Germanen. Daher drang eine Fülle lateinischer Lehnwörter in die germanischen Sprachen, dagegen nur relativ wenige germanische Wörter ins Lateinische bzw. Gemeinromanische.
Im Zuge der Völkerwanderung lassen sich die Westgoten in Südwestgallien und Nordostspanien nieder und gründen 419 das Reich von Tolosa (Toulouse). 443 lassen die Burgunder sich im nachmaligen Burgund nieder. Die Franken waren ein germanischer Stamm, der ursprünglich beiderseits des Niederrheins (Rheinland, Benelux) saß. Sie beherrschen 486 (unter Chlodwig) ganz Nordgallien. 507 erobern sie das Westgotenreich, 534 das Burgunderreich und beherrschen ab 535 ganz Gallien, das nunmehr Francia (Frankreich) ist.
Gallien/Frankreich stand also weniger als 500 Jahre unter römischer und danach lange unter germanischer Herrschaft. Jedoch vermischten sich die diversen germanischen Stämme in Frankreich (ähnlich wie in Spanien) mit der romanischen Bevölkerung und nahmen deren Sprache an. (Sonst spräche man in Frankreich heute Fränkisch.) Nur am linken Rheinufer und in Flandern setzte sich Fränkisch durch. Das an den merovingischen und karolingischen Höfen gesprochene Fränkisch war (lt. Tagliavini 1972:306) eine Mischsprache, die aus salischem und ripuarischem Fränkisch, anderen germanischen Elementen und aus Urromanisch bestand. Insgesamt gibt es nur wenige germanische Lehnwörter im Französischen:
| germanisch | kastilisch | italienisch | französisch | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|
| ahd. her(i)berga | albergue | albergo | auberge | Herberge |
| *bier | - | birra | bière | Bier |
| blank | blanco | bianco | blanc | weiß |
| frank | franco | franco | franc | frei |
| rīk | rico | ricco | riche | reich |
| robe | ropa | roba | robe | Kleid |
| got. *spáura fränk. *sporo | espuera | sp(e)rone | éperon | Sporn |
| ward | guardia | guardia | garde | Wache |
| *werre | guerra | guerra | guerre | Krieg |
Wir sahen in Kap. 6.3, daß Galloromanisch ebenso wie Iberoromanisch westromanisch und gleichzeitig zusammen mit Italienisch zentralromanisch ist. In beiden Eigenschaften ist es eher innovativ als konservativ.
Ungefähr entlang der Loire und der Grenze des fränkischen Reichs bis 507, also quer durch Gallien, verlief bereits im 8. Jh. die Grenze zwischen der ‘langue d'oil’ und der ‘langue d'oc’. Das Gebiet nördlich davon war stark germanisch, das Gebiet südlich davon dagegen eher mediterran und griechisch-byzantinisch geprägt. Nördlich wurde Französisch, südlich wurden Gaskognisch und Provenzalisch gesprochen. Im Osten liegt zwischen den beiden Hälften, etwa auf dem Gebiet von Hochburgund, das Franko-Provenzalische. Information über diese Sprachen war in Kap. 6 zu sehen.
In bezug auf die Kriterien, die der o.a. Gliederung zugrundeliegen, bildet Galloromanisch eine Einheit. In bezug auf andere Kriterien jedoch bestehen Unterschiede zwischen den galloromanischen Sprachen, die nicht durch sekundäre innergalloromanische Divergenz entstanden sind, sondern die mit Gemeinsamkeiten mit nicht-galloromanischen Sprachen einhergehen. Z.B. hat Okzitanisch die Monophthongierung von lat. /aw/ nicht vollzogen, was mit der besonders frühen Romanisierung zusammenhängen muß.
Ein frühes Zeugnis des Galloromanischen sind die Reichenauer Glossen.
Einige der Lautwandel, die das Gemeinromanische vom Altfranzösischen trennen, sind westromanisch:
| Latein | Altfranzösisch | Neufranzösisch | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| scola | iscola | école | Schule |
| scāla | échelle | Leiter | |
| scrībere | écrire | schreiben | |
| sperare | isperar | espérer | hoffen |
| sponsa | isposa | épouse | Gattin |
Weitere Lautwandel sind galloromanisch. Dazu gehören:
Insgesamt ist die ‘langue d'oc’ konservativer als die ‘langue d'oil’. Z.B. werden Vokale unter Akzent i.Ggs. zum Altfranzösischen kaum diphthongiert.
Feminine Substantive bilden den Plural auf -as.
Es gibt nur noch zwei Kasus, einen Casus rectus und einen Obliquus, z.B. Nom. Sg. deus vs. Obl. Sg. deo (Straßburger Eide 1 u. 2).
Unregelmäßige Konjugationen werden analogisch regularisiert. Z.B. die Infinitive zu volo, possum sind lat. velle, posse, aber Zentralroman. volere, potere.
| Latein | Galloroman. | Bedeutung |
| dare | donare | geben |
| quot | quantes | wie viele |