Neuerung, Übernahme, Ausbreitung 23.06.2026

Auf der Ebene der Sprachgemeinschaft qua sozialer Gemeinschaft geht Sprachwandel in den folgenden Schritten vor sich:

  1. Neuerung: Ein Sprecher führt eine Neuerung ein. Z.B. spricht er einen Laut etwas anders aus, führt einen Neologismus ein, wagt eine Metapher oder verwendet eine syntaktische Konstruktion als Periphrase. Da Sprache eine kreative Tätigkeit ist, passieren täglich unzählige solcher Neuerungen (Innovationen). Sie verbleiben auf der Ebene der Rede (‘parole’) und verhallen, ohne irgendeine Wirkung in der Sprache (‘langue’) zu hinterlassen.
  2. Übernahme: Unter günstigen Bedingungen jedoch wird eine Neuerung von anderen aufgegriffen. Dies ist i.w. durch die soziale Verfaßtheit der Sprachgemeinschaft und einzelner Sprechergruppen gesteuert. Das Prestige des Neuerers und der Konformismus der anderen spielen eine Rolle.
  3. Ausbreitung: Die Neuerung verbreitet sich dann in der Sprachgemeinschaft in Raum, Zeit und Varietäten. In den betroffenen Varietäten wird sie usuell, also zum Bestandteil des Sprachsystems.
  4. Wandel: Damit wandelt sich dann die Sprache. Im Laufe der Zeit akkumulieren sich die durchgesetzten Neuerungen, und die Sprache wird merklich anders als in einem früheren Stadium. Irgendwann kommt der Punkt, wo die Summe der Veränderungen eine andere Sprache geschaffen hat.