Sprachwechsel und Sprachtod 24.06.2026

Aussterben von Sprachen

Sprachenvielfalt unterliegt zwei antagonistischen Kräften: Absonderung von Sprachgemeinschaften führt zu Aufspaltung, also Vermehrung von Sprachen. Friedlicher oder oppressiver Kontakt zwischen Sprachgemeinschaften führt zu Verlust von Sprachen. Wenn man Monogenese der menschlichen Sprache annimmt, muß die Anzahl der Sprachen in vorgeschichtlicher Zeit über die Jahrtausende zugenommen haben. Die diversifizierenden Kräfte müssen also lange Zeit die reduktiven überwogen haben.

Die Anzahl der Sprachen auf der Welt erreichte wahrscheinlich ihren Höhepunkt im 15. Jh., also bevor die europäische Kolonisierung Afrikas, Amerikas und Australiens einsetzte. Seitdem haben die Kräfte, die Sprachen auslöschen, die Oberhand gewonnen.

Sprachen sterben aus, seit Menschengruppen aufeinanderstoßen. Sumerisch wurde von Akkadisch verdrängt; Gallisch, Keltiberisch und manche andere antike europäische Sprache wurde von Lateinisch verdrängt; Gotisch wurde zugunsten mehrerer anderer Sprachen aufgegeben.

Der Vorgang hat jedoch in der Neuzeit zwei große Schübe erfahren. Hunderte von Sprachen, die die ersten Eroberer und Missionare angetroffen haben, sind durch den Kolonialismus verschwunden. Australien hatte bei der Entdeckung in der Neuzeit 250 Sprachen. Davon werden zu Beginn des 21. Jh. noch 20 gesprochen. Hier hat also der Kolonialismus die Sprachen (und nicht nur sie) im wahrsten Sinne dezimiert. In der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts, also i.w. unter unseren Augen, ist die Rate aussterbender Sprachen durch die Verbreitung der Massenmedien noch einmal sprunghaft angestiegen. Am meisten bedroht sind daher nicht nur Sprachen mit kleinen Sprecherzahlen, sondern auch Sprachen, deren Gemeinschaften besonderem Zivilisationsdruck ausgesetzt sind. Man hat geschätzt (Hale et al. 1992), daß von den 6.000 - 7.000 noch gesprochenen Sprachen nur etwa 10% das 21. Jahrhundert überleben werden.

Anfang 1994 ist das Ubychische, eine kaukasischen Sprache, für immer verstummt. Im Januar 1996 wurde der Tod des letzten Sprechers des Catawba, einer zuletzt in Massachusetts beheimateten Sioux-Sprache, gemeldet. Die Mayasprache Itzá, noch gesprochen von einer Handvoll von Überlebenden des einstmals großen Volkes der Itzá, der Gründer von Chichén Itzá, stirbt derzeit in Guatemala aus. Man kann schätzen, daß jährlich etwa ein Dutzend Sprachen ausstirbt.

Sprachtod

Vom Aussterben einer Sprache im eigentlichen Sinne ist der historische Wandel von einer Sprachstufe zur folgenden zu unterscheiden. Wir sprechen zwar von Latein und Sumerisch als von toten Sprachen. Tatsächlich aber ist nur Sumerisch ausgestorben. Latein dagegen hat lediglich historische Veränderungen durchgemacht, gegen die überhaupt keine Sprache gefeit ist. Zu Beginn des Mittelalters waren sie so unüberhörbar geworden, daß die Sprecher den Eindruck hatten, nunmehr eine andere Sprache zu sprechen, die sie dann Italienisch, Französisch, Spanisch usw. nannten. Latein ist also nicht eigentlich ausgestorben.

Eine Sprache kann im wesentlichen auf zwei verschiedene Weisen aussterben, durch Zerstörung der Sprachgemeinschaft oder durch sozialen Sprachtod. Die Sprachgemeinschaft kann dadurch zerstört werden, daß alle ihre Mitglieder vernichtet werden, allenfalls durch eine Naturkatastrophe, häufiger aber durch Krieg. Es ist daran zu erinnern, daß in nicht wenigen Fällen die Bedrohung einer Sprache nur eine Marginalie zum Ethnozid an den sie sprechenden Menschen ist. Außerdem kann eine Sprachgemeinschaft auch dadurch zerstört werden, daß sie sich auflöst oder gewaltsam umgesiedelt wird.

Der soziale Sprachtod trifft in erster Linie Sprachen, die keine eigene literarische Tradition und oft überhaupt keine Schrift haben. Die Sprachgemeinschaft lebt in einer Gesellschaft, in der eine andere Sprache herrscht. Z.B. herrscht in der Gesellschaft, in der die Sorben noch ihre Sprache pflegen (die übrigens ganz gut dokumentiert ist), das Deutsche vor. In dem Maße, in dem die Sprecher der bedrohten Sprache sich in die herrschende Gesellschaft einfügen (wollen oder müssen), bedienen sie sich in immer mehr funktionalen Domänen der herrschenden Sprache. Die eigene Sprache wird in den familiären Bereich zurückgedrängt. Von jetzt an ist die Sprache bedroht. Dann kommt der Punkt, wo Kinder nicht mehr die traditionelle, sondern nur noch die dominante Sprache lernen. Oft sprechen bereits die Eltern dieser Kinder die dominante Sprache besser als die traditionelle. Die Sprachgemeinschaft weist keine normale Altersstruktur mehr auf, nur noch alte Leute sprechen die Sprache. Damit ist das Schicksal der Sprache besiegelt. Bald beherrschen sie nur noch eine Handvoll Greise als Muttersprache. Wenn die letzten Menschen gestorben sind, die die Sprache als erstes Kommunikationsmittel benutzten, findet man nur noch Sprecher, die sich mehr oder weniger deutlich an eine Sprache erinnern, die sie in ihrer Jugend einmal gesprochen haben. Wenn jetzt keine Linguisten kommen, um die Kenntnisse dieser Menschen aufzuzeichnen, stirbt die Sprache aus, ohne daß die Nachwelt je eine Chance haben wird, Näheres über sie zu erfahren.

Die internationale Linguistik kümmert sich etwa seit 1990 verstärkt um bedrohte Sprachen. Fast immer geht es um Sprachen, die bis dahin nicht wissenschaftlich aufgenommen wurden. Die Aufgabe ist es daher, diese Sprachen zu dokumentieren und zu beschreiben, bevor sie aussterben. Als Informanten stehen dann oft nur eine Handvoll alter Menschen zur Verfügung, die die Sprache in einer Umgebung, in welcher jüngere Generationen längst eine andere Sprache sprechen, vielleicht noch im Umgang miteinander verwenden oder sich auch nur an eine Sprache erinnern, die sie in ihrer Jugend einmal gesprochen haben. Unter solchen Bedingungen wird eine Sprache auf einen kleinen Rest reduziert. Die Informanten können in ihr keine zusammenhängenden Texte mehr bilden und können auch Texte, die ihre Großeltern einmal einem Linguisten diktiert haben, nur noch bruchstückweise verstehen. Das, was diese Semisprecher noch leisten können, ist in vielen Fällen die Grundlage der linguistischen Erfassung dieser Sprache.

Bedrohung einer Sprache

Nach den folgenden Kriterien kann man den Grad der Bedrohung einer Sprache abschätzen:

Rolle der Sprache in der Gemeinschaft

Eine Sprache stirbt aus, wenn in ihrer Gesellschaft eine andere Sprache dominant ist, die höheres Sozialprestige hat und vor allem zu schriftlicher Kommunikation, in den Massenmedien und in der staatlichen Erziehung benutzt wird. Dadurch entsteht ein ökonomischer, politischer, kultureller und sozialer Druck auf die Gemeinschaft und jeden einzelnen Sprecher, der dem Sprachwechsel Vorschub leistet.

Eine Sprache, die nur noch in eingeschränkten Funktionsbereichen verwendet wird, ist bedroht. Typischerweise wird sie von der dominanten Sprache zuerst aus der Sphäre öffentlicher Kommunikation in den Privatbereich zurückgedrängt. Dadurch wird ihre Vielfalt an kommunikativen Funktionen beschnitten. Dies ist ein klar diagnostizierbares Alarmzeichen. Eine Sprache, die nicht mehr von den Kindern einer sozialen Gemeinschaft als Muttersprache gelernt wird, stirbt sicher aus. Eine solche Sprache ist moribund.

Die folgenden drei Fragen klären die Rolle der Sprache in ihrer Sprachgemeinschaft im einzelnen.

Schriftsprache oder bloß orale Sprache

Wird die Sprache überhaupt zur schriftlichen Kommunikation und gar in den Massenmedien verwendet? Die meisten Sprachen der Welt sind schriftlos. Solange sie in dieser Situation bleiben, haben sie keine Chance, neben den offiziellen Sprachen ihres Landes zu bestehen. Die Verschriftung gibt einer kleinen Sprache Prestige. Sie ist auch die Voraussetzung für die Abfassung von Grammatiken und Wörterbüchern der Sprache. Solange eine Sprache das nicht hat, wird sie in ihrer sozialen Umgebung nicht anerkannt, sondern als "Dialekt" oder "Idiom" herabgewürdigt.

Benutzung der Sprache in der Schulausbildung

Ist die Sprache Unterrichtssprache in der Grundschule, Sekundarschule, Universität? Sprachen wie das yukatekische Maya werden zwar gelegentlich geschrieben, aber sie werden im Bildungssystem ihres Staates kaum verwendet. Die Schulkinder lernen als erstes, daß ihre mitgebrachte Sprache zu nichts von dem taugt, was in der Schule wichtig ist.

Spracheinstellung

Genießt die Sprache irgendein Prestige, wenigstens bei ihren eigenen Sprechern, darüber hinaus evtl. in ihrer Umgebung? Ist die Sprachgemeinschaft ihrer traditionellen Sprache gegenüber loyal oder ist ihr deren Verfall gleichgültig? Es ist gar nicht selten, daß eine Sprache von ihren eigenen Sprechern verleugnet wird, weil sie als solche nur Nachteile zu gewärtigen haben. Dagegen hat Ende des 20. Jh. die Anzahl der bekannten Sprachen in einigen Ländern nominell zugenommen, weil sich durch die politischen Initiativen auf höchster Ebene die offizielle Politik geändert hat und die Leute sich nun zu ihrer Sprache bekannten.

Situation der Sprachgemeinschaft

Die folgenden Fragen klären die Situation der Sprachgemeinschaft im einzelnen und somit die Chance der Sprache, in ihr zu überleben.

Politische Stabilität

Ist die Sprachgemeinschaft politisch gesichert oder in ihrem Land bedroht? Z.B. ist die kurdische Sprachgemeinschaft in allen Ländern, auf die sie aufgespalten ist, eine politisch bedrohte Minderheit.

Geographische Verbreitung

Eine Sprache, deren Sprecher keine soziale Gemeinschaft bilden, sondern in einer sprachlichen Diaspora leben, ist stärker bedroht als die Sprache einer intakten und womöglich isolierten sozialen Gemeinschaft. Z.B. wird Litauisch im Lande von 3 Mio. Menschen gesprochen, mit steigender Tendenz. Das Jiddische hat ebenfalls noch etwa 3 Mio. Sprecher,1 aber sie sind über die ganze Welt verstreut und stellen nirgends die Bevölkerungsmehrheit. Das Jiddische geht überall zurück.

Ökonomische und soziale Lage

Leben die Sprecher in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen oder am sozialen Abgrund? Z.B. hat das Baskische ebenso viele Sprecher (etwa 600.000) wie das yukatekische Maya. Beide Sprachen sind vom Spanischen bedroht. Aber die Basken zählen in ihrem Land – vor allem Spanien – zu den reichsten Bevölkerungsgruppen, während die Maya in Mexiko zu den ärmsten zählen. Die Basken können sich die Erhaltung ihrer Sprache einiges kosten lassen, während die Maya es aus eigenen Kräften überhaupt nicht schaffen können.

Verhältnis von Religion/Konfession zur Situation im Staat

Hängt die Sprachgemeinschaft einer traditionellen Religion an, die die Kulturgüter einschließlich der Sprache stützt, oder ist sie Ziel von Missionierung in diversen christlichen Konfessionen oder Sekten? Ein extremes Beispiel für die Rolle der Religion bei der Erhaltung einer Sprache bietet das Hebräische. Die Zionisten haben die Sprache, die als gesprochene bereits ausgestorben war, Ende 19. Jahrhunderts wiederbelebt und dann zur Staatssprache Israels gemacht.

Demographie der Sprachgemeinschaft

Die schiere Zahl der Sprecher ist von nachgeordneter Bedeutung. Selbst eine große Sprachgemeinschaft kann ihre Sprache innerhalb weniger Generationen wechseln, wenn sie sie als sozial unterlegen ansieht. Immerhin sind folgende Zahlen wichtig:

Von besonderer Bedeutung ist das Alter der Sprecher: Wird die Sprache noch von Kindern gelernt? Wie alt ist der jüngste Sprecher?

Aus den angeführten Kriterien läßt sich der Grad der Bedrohung einer Sprache ableiten. Wiewohl es sich eigentlich um ein Kontinuum handelt, ist die in der folgenden Tabelle dargestellte Klassifikation doch nützlich:

Degrees of endangerment (Tsunoda 2005:13)
stage of vitalitycriterionexample
healthy/safe all communicative functions are fulfilled in the language Spanish
weakening/sick the language is not used for public communication Yucatec Maya
moribund/dying the language is not learnt by children Itzá
extinct/dead the language is not spoken Maya Choltí

Literatur

Arbeitsgruppe Bedrohte Sprachen der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft 1995,Informationsbroschüre zur Dokumentation von bedrohten Sprachen. [Köln]: Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft. 2. Aufl.

Grimes, Barbara F. (ed.) 1992, Ethnologue. Twelfth edition. Dallas, Tx.: Summer Institute of Linguistics. 13. ed. 1996.

Hagège, Claude 1992, Le souffle de la langue. Voies et destins des parlers d'Europe. Paris: O. Jacob.

Hale, Kenneth et al. 1992, "Endangered languages." Language 68:1-42.

Lehmann, Christian 1992, "Das Sprachmuseum." Linguistische Berichte 142:477-494.

Lehmann, Christian 1993, "Sprachen sterben aus." Forschung an der Universität Bielefeld 8:3-9.

Lehmann, Christian 1996, "Dokumentacija jazykov, nakhodjaščikhsja pod ugrozoj vymiranija. (Pervoočerednaja zadača lingvistiki)." Voprosy Jazykoznanija 1996/2:180-191. [Englische Fassung]

Robins, Robert H. & Uhlenbeck, Eugenius M. (eds.) 1991, Endangered languages. Oxford & New York: Berg (Diogenes Library).

Wurm, Stephen A. (ed.) 1997, Atlas of the world's languages in danger of disappearing. Paris: Unesco Publ.; Canberra: Pacific Linguistics.

Zimmermann, Klaus 1991, "`Babel' wiederlesen und die Vielfalt der Sprachen fördern." Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 28:77-83.


1 Zahlenangaben nach Grimes (ed.) 1996.