Wesen des Sprachwandels 24.06.2026

Die Sprache ist nicht, wie die Schulgrammatik und auch die strukturale Sprachwissenschaft glauben und glauben machen, ein etabliertes System, welches eigentlich auf ewig fortbestehen müßte, welches aber gelegentlich durch Unachtsamkeit deterioriert und deshalb konservatorischer Pflege bedarf. Das Wesen der Sprache ist Tätigkeit (von de Saussure langage genannt). Diese Tätigkeit findet freilich immer unter bestimmten, je verschiedenen gesellschaftlichen und historischen Bedingungen statt. Und auch ihre Ziele ändern sich. Die Redeabsicht, jemanden zu taufen, hat hierzulande vor Bonifatius niemand verfolgt; und der Zweck, durch Sprache einen Computer zu steuern, wird erst seit Ende des 20. Jh. angestrebt. Die Tätigkeit nimmt zu den jeweiligen Zwecken und unter den jeweiligen Bedingungen, freilich auch auf Basis des traditionell überkommenen Bestandes, Gestalt an. D.h. sie wandelt sich ständig; und dieser stete Wandel gehört zu ihrem Wesen.

Die Sprachtätigkeit ist auch zu einen hohen Grade systematisch. Dieser systematische Aspekt der Sprachtätigkeit ist das Sprachsystem. Es ist insoweit ein Nebenprodukt der Sprachtätigkeit.1 Das synchrone Sprachsystem ist ein Moment der ständigen Systematisierung der Sprecher (Coseriu 1974:236). Die Diachronie verhält sich zum synchronen Zustand wie der Ablauf eines Films zur Standbildprojektion. Grundsätzliches zum Verhältnis von Synchronie und Diachronie s. anderswo.

Das Gegenstück des Wandels in der Diachronie ist die Variation in der Synchronie. Gelegentlich wird auch ‘Variation’ als der Oberbegriff genommen, und man spricht dann von synchroner und diachroner Variation. Manchmal wird behauptet, synchrone Variation sei die Wurzel des Wandels; manchmal wird behauptet, der Wandel führe zu Variation. Das Voraussetzungsverhältnis zwischen synchroner und diachroner Variation zu klären ist das Problem vom Ei und der Henne.


1 und nicht etwa, wie in gewissen Schulen “formaler” oder “theoretischer” Linguistik angenommen, von dieser vorausgesetzt oder ihr zugrundeliegend