Schrift und Sprachgeschichte 24.06.2026

Geschichte hängt wesentlich von der Verfügbarkeit von Dokumenten ab. Während die Geschichtswissenschaft – insbesondere in der Ur- und Frühgeschichte – daneben auch (sonst der Archäologie obliegende) materielle Hinterlassenschaften früherer Kulturen berücksichtigt, ist für die Sprachgeschichte die Verfügbarkeit von Dokumenten eine conditio sine qua non.

Bezüglich der Überlieferung sprachlicher Dokumente sind zwei Perioden zu unterscheiden:

  1. Schriftliche Dokumente gibt es seit der Erfindung der Schrift. Sie wurde zwischen -3.500 und -3.000 von den Sumerern erfunden. Für alle anderen Sprachen beginnt die schriftliche Dokumentation später, und zwar größtenteils um Jahrtausende später.
  2. Auditive Dokumente von Sprachen gibt es seit der Erfindung des Phonographen, also seit 1877. Auch dies betrifft natürlich anfangs nur ein paar Sprachen und erst seit Ende des 20. Jh. einige Hundert.

Hieraus folgt, daß derzeit (und noch für die nächsten paar Jahrhunderte) Sprachgeschichte in erster Linie die Geschichte einer geschriebenen Sprache ist. Jede natürliche Sprache ist aber in erster Linie gesprochene Sprache.

Laut und Schrift

Die gesprochene Sprache (Lautsprache) hat vor der geschriebenen Sprache (Schriftsprache) Priorität, das lautliche hat vor dem schriftlichen Medium Priorität. Dies gilt in drei Hinsichten:

  1. Phylogenetisch-historisch:
    • Homo sapiens hat erst gesprochen, dann geschrieben.
    • Jede einzelne Sprache ist erst gesprochen, dann geschrieben worden.
    • Die meisten Sprachen werden bis auf den heutigen Tag nicht geschrieben.
  2. Ontogenetisch: Jeder gesunde Mensch lernt erst sprechen, dann lesen und schreiben.
  3. Systematisch (funktional und strukturell):
    • Alle Schriften (die zur Wiedergabe natürlicher Sprachen dienen) setzen in ihrer Systematik und Funktionalität die gesprochene Sprache voraus.
    • Keine gesprochene Sprache setzt ein Schriftsystem voraus.

Die Schriftsprache ist also nicht nur in systematischer Hinsicht von der gesprochenen abgeleitet, sondern auch quantitativ in der Kommunikation der Sprachgemeinschaft nachrangig und drittens in wesentlichen Hinsichten weniger vielfältig. Der zweite und dritte Unterschied sind besonders gravierend im Falle von antiken und mittelalterlichen Sprachen, weil in jenen Epochen nur ein kleiner Prozentsatz der Mitglieder einer Sprachgemeinschaft literat war.

Es ergibt sich ein gravierendes Problem der Repräsentativität der Daten. Erst im 20. Jh. sind praktisch alle Arten von Kommunikationsereignissen (kurz: Textsorten) schriftlich oder technisch aufgezeichnet worden, so daß die Dokumentation repräsentativ sein kann. Im Altertum und Mittelalter sind nur ausgewählte Textsorten überhaupt geschrieben worden, und von diesen sind uns wiederum nur einige überliefert worden. Die uns verfügbaren Dokumente für Sprachen wie Latein und Altfranzösisch sind ganz sicher nicht repräsentativ für diese Sprachen. Man kann aus ihnen die betreffenden Schriftsprachen zu einem mehr oder minder hohen Grade rekonstruieren. Die mündliche Sprache ist dagegen selbst gar nicht belegt. Man kann sie nur mit Methoden, die Abweichungen vom schriftlichen Standard erkennen und interpretieren, zu einem geringen Grade rekonstruieren.

Wenn das Lautsystem einer lebenden Sprache zu erforschen ist, so macht man Tonaufnahmen und analysiert diese. Von Sprachen, die vor 1900 ausgestorben sind, existieren solche Aufnahmen nicht. Hier ist die sekundäre Wiedergabe durch die Schrift die Brücke zur Rekonstruktion des Lautsystems. Weiteres s. Schriftentzifferung.